Chronik Privatbahnen

Im Jahr 2009 wurden die Weichen gestellt: Auf der Strecke Hamburg – Köln geht 2010 ein Mitbewerber zur DB mit ­eigenen Fernzügen an den Start. Ein zweiter will 2011 folgen.
Privater Fernverkehr der näheren Zukunft nach derzeitigem Stand: Zu Interconnex und Vogtland-Express kommen 2010/2011 HKX und SNCFSlg. Lars Fröbe/Bearbeitung: AL © Slg. Lars Fröbe

Bislang hielt sich die Konkurrenz zur DB im deutschen Fernverkehr in Grenzen. Der erste Versuch von Connex (heute Veolia Verkehr), mit dem Interconnex zwischen Köln, Berlin und Rostock einen eigenfinanzierten Fernzug auf die Beine zu stellen, misslang. Erst der jetzige Zug Leipzig – Berlin – Rostock rechnet sich. Die Vogtlandbahn fährt nach Berlin – was aber ein verlängerter, mit öffentlichen Mitteln finanzierter Regionalzug ist. Weiterhin gibt es den GVG-Nachtzug Berlin – Malmö, der eine Lücke im Angebot der DB schließt. Das Nachtzug-Projekt Stuttgart – Berlin der Reisezug-Verkehrsgesellschaft Kornwestheim wiederum scheiterte im Juni 2009. Doch 2010 ergeben sich mit der in Kraft tretenden Liberalisierung des Schienenfernverkehrs in der EU neue Möglichkeiten. Im Oktober 2009 gaben bereits zwei Unternehmen bekannt, tägliche Fernzugverbindungen in Deutschland aufbauen zu wollen. Dabei steht der Strecke Hamburg – Köln der meiste Wettbewerb bevor.

HKX ab 2010
Sehr konkret ist die Ankündigung der Hamburg-Köln-Express GmbH (HKX). Hinter dem Unternehmen stehen die deutsche Tochter der Railroad Development Company (RDC Deutschland) mit 75 % Anteil, die Locomore rail aus Berlin mit 17,5 % Anteil und der englische Investor Michael Schabas mit 7,5 %. HKX will ab dem 15. August 2010 zwischen Hamburg und Köln drei tägliche Zugpaare anbieten – die Trassen hat DB Netz bereits bestätigt. Es sollen »verschiedene Komfortzonen und attraktive Preise« geboten werden. Die Züge umfahren Bremen, dafür ist ein Halt in Sagehorn vorgesehen. Über Münster, Gelsenkirchen und Essen geht es weiter nach Köln.

Zum Fahrzeugmaterial hat sich HKX bislang nicht geäußert, allerdings erwarb RDC Anfang 2009 von den ÖBB neun komplette, fünfteilige Triebwageneinheiten des Typs 4010 sowie einige Zwischenwagen und Steuerwagen. Sie stehen derzeit im Schienenfahrzeugwerk Delitzsch. Diskutiert wird ein Einsatz der Mittel- und Steuerwagen mit angemieteten Lokomotiven. Daneben hat Locomore rail Interesse an den Relationen Hamburg – Frankfurt – Stuttgart und Berlin – Hannover – Ruhrgebiet – Frankfurt bekundet.
SNCF ab 2011
Neben HKX will noch ein weiterer Mitbewerber auf den Plan treten: die Französische Staatsbahn SNCF, deren Ankündigung die DB völlig überraschte. Die Trassen wurden aber erst für die Fahrplanjahre 2011 bis 2015 beantragt. Mangels eigener Lizenz in Deutschland nutzen die Franzosen den Nahverkehrs-Betreiber Keolis Deutschland, an der die SNCF 45 % hält. Geplant sind die Relationen Strasbourg – Frankfurt (M) – Köln – Hamburg bzw. Strasbourg – Frankfurt (M) – Erfurt – Halle – Berlin – Hamburg.

Die SNCF ­erhofft sich durch die Bestellung der internationalen Trassen eine bevorzugte Behandlung durch den Infrastrukturbetreiber; mit einem präzisen Trassenangebot seitens DB Netz rechnet man bis März kommenden Jahres. Wenn die Angebote vorliegen, will man über die genaue Linienführung und die Zahl der Züge entscheiden. Die SNCF sieht das neue Angebot als Ergänzung zu den bestehenden Kooperationsverkehrsleistungen mit der DB (TGV- bzw. ICE-3-Einsätze von/nach Paris). Auch hier ist die Fahrzeugfrage völlig offen, klar ist nur, dass Trassen für 200 km/h bestellt werden.

Der Wettbewerb im Fernverkehr, so viel steht fest, hat damit begonnen. Doch noch ist nicht klar, in welchem Maße. Die Zukunft wird zeigen, was sich hinter den Aktivitäten der Neulinge verbirgt: ein Testballon, das Gerangel um Filetstücke oder gar die große Kampfansage.

Christoph Müller/GM  

Artikel aus Bahn Extra 01/10
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