Das Jahr der "Mobilmachung"

Seit Januar 1939 arbeitete die Wehrmacht Aufmarschpläne für den Angriffskrieg aus. Nachdem die „Resttschechei“ im März 1939 ohne Kampfhandlungen eingenommen worden war, konzentrierten sich die Vorbereitungen auf Polen. Der Reichsbahn kam dabei von Beginn an eine wichtige Rolle zu.
Im Mai 1939 verlässt ein Truppentransportzug den Bahnhof Kitzingen. In ähnlicher Form beförderte die Reichsbahn ab Juni Verbände für den Angriff auf Polen Richtung Reichsgrenze – getarnt als Manöver, Teil eines Reichsparteitags bzw. der Feiern zu „... © Slg. Stefan Ponzlet, Slg. Eisenbahnstiftung

Anfang Oktober 1938 hatte die Wehrmacht aufgrund des „Münchner Abkommens“ die deutschsprachigen Randgebiete der Tschechoslowakei kampflos besetzen können. Hitler war enttäuscht, dass der vorbereitete Krieg gegen das Nachbarland ausgeblieben war.

Wichtige Industriebetriebe sowie für die klamme deutsche Finanzwirtschaft attraktive jüdische Vermögen und staatliche Goldreserven waren außerhalb des deutschen Zugriffs geblieben. Einen von Hitler unterschriebenen Zettel mit einer angeblichen Garantie des „peace for our time” hatte der englische Ministerpräsident Chamberlain bei seiner Rückkehr nach London triumphierend vorgezeigt.

Die deutsche Führung hielt sich mit solcher Romantik nicht auf. Am 13. Januar 1939 gab die Transportabteilung im Generalstab des Heeres eine Weisung über „Aufmarsch trans - porte im Mobilmachungsjahr 1939/40“ heraus. Der Begriff „Mobilmachung“ umschrieb einen riesenhaften Auftrag.

Das aus stehenden Truppen und Reservisten zu bildende Kriegsheer umfasste 3.754.000 Mann, dazu mussten aus Wehrmachts- und Privatbeständen 400.000 Pferde sowie 200.000 Straßenfahrzeuge beigebracht werden.

ZIEL 1939: "RESTTSCHECHEI" UND POLEN

Verharmlosend als Transportübungsaufgaben („Trüa“) bezeichnet, sollten bis zum 1. März zwei Varianten mit den Elementen „Grenzsicherung/Verteidigung West“ und „Fall Ost“ (Trüa 5) bzw. „Fall Südost“ (Trüa 8, Zerschlagung der „Resttschechei“) bearbeitet werden.

Nachdem am 15. März 1939 der „Fall Südost“ durch wiederum kampflosen Einmarsch in die zentralen Gebiete Böhmens unter Mährens erledigt war, erging am 3. April die „Führerweisung 1 a“, wonach nunmehr ausschließlich ein Angriff gegen Polen vorzubereiten war.

Wachsamkeitsoder Handlungsbedarf an allen anderen Grenzen wurde nicht gesehen. Die Erpressungspolitik des März 1939 hatte für den deutschen Aufmarsch den zusätzlichen Vorteil gebracht, nun auch die unter deutscher Kontrolle unabhängig gewordene Slowakei einbeziehen zu können.

Der künftige Angriff würde also Polen vom Süden, Westen und Norden in die Zange nehmen können. Eine der schwierigsten Auflagen für die Wehrmacht war die Beachtung der propagandistischen Fiktion, dass Polen durch die Verweigerung von Verhandlungen über Verkehrsfragen zwischen dem Reich und Ostpreußen im „Korridor“ einen Angriff provoziere. Deshalb war optimale Verschleierung des Aufmarschs für den „Fall Weiß“ verlangt.

BEGINN DER DETAILPLANUNG

Die am 14. Januar 1939 herausgegebenen allgemeinen Bestimmungen über „Aufmarschvorbereitungen von Landmärschen und Eisenbahntransporten“ sahen zur Entlastung der Eisenbahn vor:

a) nicht motorisierte Truppen mit Standort in Grenznähe sollen die Straße benutzen, wenn das Aufmarschgebiet dadurch schneller als per Bahn zu erreichen ist.
b) Bei Einheiten mit Kettenfahrzeugen und Standort nicht weiter als 100 Kilometer vom vorgesehenen ersten Einsatzraum sollen die Räderfahrzeuge auf der Straße, die Kettenfahrzeuge auf dem Schienenweg transportiert werden.
c) Sonstige motorisierte Truppen sollen für Distanzen bis zu etwa 300 Kilometern und Einheiten von größerer Stärke als ein Regiment in jedem Fall die Straße benutzen.


Ab Januar 1939 wurden dann allmählich in Kraft gesetzt

a) die Möglichkeiten der Personalverstärkung für die den Bahndienststellen beigeordneten Transportkommandanturen und Bahnbevollmächtigten der Wehrmacht,
b) die Aktivierung des der Transportabteilung eigenen Fernschreibnetzes „Hektor“ wochentags von 9 bis 17 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr,
c) der Befehl zur ständigen Aktualisierung der Transportbearbeitungen bei Änderungen von Stärke oder Zusammensetzung derTruppen, Stand- und Aufstellungsorte,
d) das Verbot, ohne Genehmigung des Transportchefs Umbauten von Strecken vorzunehmen, wenn diese entweder eine tägliche Leistung von 72 Zügen hatten oder wenn ihre Betriebsfähigkeit für mehr als 48 Stunden verringert würde,
e) die Bereithaltung fahrbarer Laderampen an verschiedenen Orten und transportabel in Güterwagen.

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