Der »Rheingold«

Nicht nur namentlich sind einige der besten Züge der ­deutschen Bahnen mit dem Rhein verbunden. Vor allem der »Rheingold« definierte die Reise mit der Eisenbahn immer wieder neu.

Text: U. Kandler/F. Ernst/MW/MHZ
Ab 1928 schuf die Reichsbahn ein neues Fern -reise gefühl. Der »Rheingold« gesellte sich zur Riege der  internationalen Luxuszüge, mit eigenem Wagen material und schnellen Fahrzeiten. © Carl Bellingrodt/Slg. Helmut Brinker
Was könnte die Rheinromantik besser versinnbildlichen als der Mythos um den legendärsten aller deutschen Züge, den »Rheingold«? Allein der Laufweg durch das Rheintal war es, der dem Fernschnellzug der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) seinen prägnanten und dereinst ungeheuer werbeträchtigen Namen verlieh. Mit den herausragenden technischen Errungenschaften, welche Reichsbahn und Bundesbahn diesem Zug mit auf den Weg gaben, wurde er zum Besten, was zu seinen Zeiten im deutschen Fernreiseverkehr verfügbar war.

Den Zugnamen hatten die Herren der DRG einer Oper von Richard Wagner entlehnt. Dort hüten die Töchter des Rheins – Woglinde, Wellgunde und Floßhilde – einen sagenhaften Schatz, das Rheingold. Gerät es in falsche Hände, verleiht es unendliche Macht. Das droht, als der Zwerg Alberich den Schatz raubt; die Geschichte in »Rheingold«, der ersten Oper von Wagners »Ring der Nibelungen«, nimmt ihren Lauf. Das Pathetisch-Besondere des Werks füllte die Reichsbahn auf ihre Weise mit Leben: Schon das Kürzel »FFD« – nicht, wie sonst bei Fernschnellzügen üblich, FD – demonstrierte die Ausnahmeposition des neuen Zugs. Erst recht ungewöhnlich waren die Fahrzeiten und vor allem die Fahrzeuge. Mit ihnen definierte die Reichsbahn den Begriff des luxuriösen Reisens neu; in die Welt der Oper übertragen, bot der »Rheingold« seinen Gästen die Ehrenloge.  

Luxusreise durch ­Deutschland
Ins Leben gerufen wurde der Zug zu einem Zeitpunkt, als die Reichsbahn ihren Zenit als Beförderungsmittel erreichte. Erstmals auf Reisen geschickt wurde das planmäßige Fernschnellzugpaar »Rheingold« (FFD 101/102) am 15. Mai 1928. Der Laufweg führte von Hoek van Holland über Duisburg – Düsseldorf – Köln – Bonn – Mainz – Mannheim – Karlsruhe – Baden-Baden West und Freiburg nach Basel SBB und zurück. Auf den rund 670 Kilometern Strecke bildete die Fahrt durch das Mittelrheintal zweifellos den Glanzpunkt. Die eigens gebauten Pullmanzüge mit ihrer gediegenen Inneneinrichtung wurden innerhalb kurzer Zeit zum Inbegriff des schnellen und vornehmen Reisens – mit Weltgeltung. Das markante, violett-cremfarbene Erscheinungsbild der Salonwagen tat ein Übriges, Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erzeugen.

Dem internationalen Laufweg entsprechend, wurde als Novum die Pass- und Zollkontrolle im fahrenden Zug eingeführt. Freilich sorgte man auch für günstige Anschlüsse: In Hoek van Holland über Harwich von und nach London, in Utrecht nach Amsterdam. In der Sommerzeit (1. Juli bis 11. September) wurde der Laufweg über Basel hinaus bis Luzern und ab Sommer 1929 bis Zürich geführt. Der »Rheingold« sollte mit seiner 1. und 2. Klasse sowie »mit besonderem Zuschlag und Sondergebühr« das zahlungskräftige Publikum des In- und Auslands ansprechen. Für den normal sterblichen Bürger war das Reisen mit diesem Zug seinerzeit nahezu unerschwinglich.
  Zum Einsatz gelangte nur modernstes Wagenmaterial, entwickelt nach den neuesten technischen Erkenntnissen im Waggonbau (siehe Kasten). Eine Zugeinheit war mindestens aus je einem Wagenpaar 1. und 2. Klasse sowie dem Packwagen gebildet. Bei der Bespannung griff die Reichsbahn auf das vermutlich Beste zurück, was sie hatte – das vermutlich Beste aus Länderbahn­zeiten.

Denn die neue Einheitsschnellzuglok der Baureihe 01 kam erst ab 1930 sukzessive zum Einsatz. In der Anfangszeit dagegen fuhr auf dem nördlichen Abschnitt vom Grenzbahnhof Zevenaar bis nach Mannheim die bayerische S 3/6 (185) des Bw Wiesbaden. Als badisches Pendant wurde ab Mannheim bis Basel die IV h (183) des Bw Offenburg eingeteilt. Dabei erbrachten die Maschinen Höchstleistungen; anfangs wurde die Relation Bonn – Mainz nonstop zurückgelegt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 beendete jäh die luxuriöse Reise des »Rheingold«. 

Unterbrechung durch den Krieg
Insgesamt wurde der Fernreiseverkehr nun empfindlich eingeschränkt; die anderen hochwertigen Zugläufe durch das Rheintal entfielen ebenso. Das galt etwa für den Schnelltriebwagen der Bauart »Köln«, der erst zum Beginn des Sommerfahrplans am 15. Mai 1939 als FDt 49/50 Basel DRB – Frankfurt (Main) – Köln – Dortmund in Betrieb gegangen war.

Auch die außer­gewöhnlichen Leistungen des L 51/52 »Oost­ende-Wien-Expreß« Istanbul/Buka­rest – Wien – Nürnberg – Frankfurt (M) – Köln – Oostende/Amsterdam sowie des FD 263/ 264 Eger/München – Würzburg – Frankfurt – Hoek van Holland fielen dem Krieg zum Opfer.

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