Die »Sputnik-Züge«: Um Berlin herum

Der Schnellverkehr (Ost-)Berlin – Potsdam – Werder (Havel) ist zu einem Symbol der Berliner Teilung geworden. Die Nahverkehrszüge, welche die Westsektoren umrundeten, hatten ihren Anfang schon in der Zeit vor 1961.
Die Reise von Ost-Berlin nach Potsdam und Werder (Havel) führt weit draußen am Stadtgebiet vorbei. Im Januar 1967 hat sich Diesellok V 180 017 mit ihrem »Sputnik«-Zug auf den Weg gemacht (Bild bei Karlshorst)Hans Müller/Slg. Hans-Joachim Lange © Hans Müller/Slg. Hans-Joachim Lange

Züge, die zum S-Bahn-Tarif über die Berlins Stadtgrenze hinaus fuhren, gab es schon früh. Der »Sputnik«, der vor allem den Schnellverkehr (Ost-)Berlin – Potsdam – Werder (Havel) meint, wurde auch nicht erst nach dem Mauerbau eingelegt; er wurde aber zu dessen Symbol im Berliner Nahverkehr.

Einer Reihe von Partei- und Staatsfunktionären der DDR, den »Geheimnisträgern«, war es nicht erlaubt, mit der S-Bahn durch die Westsektoren zu fahren. Für sie verkehrten in den Jahren vor 1961 »Durchläufer«, S-Bahn-Züge, die auf den Stationen in West-Berlin nicht hielten. Doch diese Züge waren unsicher; eventuell mussten sie aus betrieblichen Gründen halten, jemand konnte die Notbremse ziehen oder ein »Provokateur« den Zug anhalten. Eigentlich sollten die »Durchläufer« vor der Ausrede schützen, warum man sich in West-Berlin aufgehalten habe.

Bereits vor dem Mauerbau wurden die Fahrten der Geheimnisträger ganz unterbunden: Vom 17. März 1958 an verkehrten zwischen Berlin Friedrichstraße und Falkensee bzw. Werder (Havel) drei Zugpaare über den Nördlichen und vier Zugpaare über den Südlichen Außenring. Ab 4. Mai 1958 entfielen dann auch die Durchläufer der S-Bahn. Im Schnellverkehr auf dem Südlichen Außenring mit Halt in Genshagener Heide, Bergholz und Potsdam Hbf waren schließlich neun Zugpaare eingelegt.

Nach dem Mauerbau wurde das Angebot zum Stundentakt verdichtet. Jetzt mussten alle Berufstätigen, die Besucher der DDR-Hauptstadt, die in den südlichen und westlichen Randgebieten wohnten und auch die Touristen, die den Park Sanssouci besuchten, diese Züge benutzen. Abgesehen von Schnell- und Eilzügen, wie jenen zwischen Berlin, Magdeburg und Stendal, gab es keine andere Zugverbindung und der Linienbus Potsdam – Schönefeld war zu lange unterwegs. Immerhin galt der Schnellverkehr als zuverlässig und preiswert: Preisstufe 4 zu 70 Pfennig.

Wie auf einer Satelliten-Umlaufbahn

Die Züge der Relation Berlin – Potsdam (Abgangsbahnhof Berlin-Karlshorst oder Ost­bahnhof) erhielten bald den Spitznamen »Sputnik«, nach dem ersten sowjetischen Satelliten, der am 4. Oktober 1957 in den Weltraum geschossen wurde. Denn die ersten Sputnik-Züge fuhren von Potsdam aus weiter via Satzkorn nach Birkenwerder, womit sie Berlin nahezu umrundeten – die Reise erinnerte an eine Satelliten-Umlaufbahn. Bald wurden die Linien den Bedürfnissen angepasst; der klassische »Sputnik«-Lauf führte von Berlin-Karlshorst via Potsdam Hbf nach Werder, teilweise weiter nach Brandenburg – Kirchmöser bzw. – Wusterwitz.

Dass die »Sputniks« – 1987 waren es 22 Zugpaare – nun über den dicht auch von anderen Schnell-, Eil-, Personen- und Güterzügen belegten Außenring im Stundentakt fahren mussten, führte bei Fahrplanbearbeitern, Dispatchern und Fahrdienstleitern zu großen Schwierigkeiten, die letztlich nie gelöst wurden und vor allem Zugverspätungen verursachten.

Da nützten der Wegfall der Züge Wünsdorf – Oranienburg und Berlin – Teltow seit 1963 sowie die strikte Überwachung der Ps-Züge durch die Dispatcher nichts. Sie hatten auf vieles Rücksicht zu nehmen: den Vorrang der Städte-Expresszüge, der Transitzüge, der Schnellzüge, die Dienstzeit der Lokführer von Güterzügen, wenn sie mit der Begründung »Warten Annahme« auf den Rand genommen wurden und dort stundenlang warten mussten, bis sich eine Lücke im Betriebsablauf ergab.

Die zweigleisige Strecke war mit 700 Zugfahrten pro Tag belegt, ein Maß, das man bei europäischen Eisenbahnen erst einmal suchen musste. Jeder Zug behinderte jeden Zug. Nirgendwo bei der Reichsbahn wurde so viel permissiv, also am Halt zeigenden Signal vorbei auf Sicht gefahren wie auf dem Südlichen Außenring. Auch mit der Folge schwerer Un­fälle, wenn die Lokführer nachfolgender Züge die Begrenzung von 40 km/h am Tage oder 15 km/h in der Nacht nicht beachteten oder sich im Bremsweg verschätzten.

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