Ziel: Berlin Stadtbahn

Die Berlin- bzw. Transit-Züge

Mit der Bahn von der Bundesrepublik nach West-Berlin reisen hieß ab 1961 einen der Berlin-Züge nehmen. ­Abgesehen vom Kontrollbahnhof fuhren diese ohne Halt durch die DDR.

Von Andreas Knipping
Im August 1975 ist eine ziemlich ramponierte 01 0517 mit ­einem Transitzug in Berlin Zoo eingetroffen. Gleich geht es weiter Richtung Friedrichstraße © Slg. Michael Schenk

Frühsommer 1977! Ich habe mich für zweieinhalb Monate bei der Deutschen Schlaf- und Speisewagengesellschaft als Liegewagenbetreuer verdingt. In deren Diensten komme ich nach Hamburg, Paris, Rom, Belgrad ... und Berlin. So auch heute.

Mein D 300, wie immer mit einem Schlaf- und (m)einem Liegewagen ausgestattet, hat München um 22:27 Uhr verlassen. Jenseits von Nürnberg steigt kein Reisender mehr zu. Ich habe genug Zeit, mich mit den Vorschriften vertraut zu machen. Zigaretten darf ich auf Strecken der Deutschen Reichsbahn nicht verkaufen. Schon eigenartig: Der Reisende soll zwischen Augsburg und Ludwigsstadt seine Marlboros bei mir beziehen, nicht aber zwischen  Probstzella und Berlin Friedrichstraße. Bei dem Vorschriftenwerk findet sich ein umfangreiches Formular, dem ich Einnahmen in DDR-Währung beifügen soll. Was ich wo an wen verkaufe, natürlich nur nach Vorlage eines DDR-Reisepasses, soll ich hier notieren … und später an einem speziellen Bankschalter in München abliefern.

In Probstzella besteigen vielfarbig Uniformierte meinen Wagen. Zugpersonal, Grenztruppen, Zoll und Transportpolizei, alle schätzen die Qualitäten des Liegewagens, der sie nach Erledigung der Formalitäten nach Griebnitzsee mitnimmt, Ankunft kurz nach 6 Uhr. Drei Abteile sind für sie reserviert, sie verbreiten sich zum Schlafen auf fünf Abteile. Auch ich kann ungestört schlafen; der Zug hält bis Berlin ja offiziell nicht mehr. 

Am Morgen verlassen mich in Griebnitzsee meine uniformierten und in Berlin Zoo meine zivilen Reisenden. Im leeren Wagen absolviere ich die Schleichfahrt weiter ostwärts über Mauer und Todesstreifen bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Dort inspiziert der DDR-Zoll mein Dienstabteil und versiegelt das von mir angebrachte Vorhängeschloss. Bis zum Abend habe ich nun Zeit. Mit Tagesvisum ausgestattet, will ich Eisenbahn fotografieren.

Rückblick: Berlin- und Interzonen-Verkehr

Für die ersten Interzonenzüge der Nachkriegszeit war das Fahrtziel Berlin geradezu selbstverständlich gewesen; Bewohner wie Wirtschaft der Westsektoren brauchten eine Verbindung zu den Westzonen bzw. ab 1949 der Bundesrepublik. Auf den Wegen nach Hamburg, Hannover, Frankfurt (Main) oder München lagen außerdem wichtige Zwischenhalte in der sowjetisch besetzten Zone bzw. DDR, wie Magdeburg, Erfurt und Halle (Saale). Erst in den 50er-Jahren kamen Züge von Köln, Frankfurt (Main) und München nach Leipzig, Dresden und Saßnitz dazu.

Die Abriegelung West-Berlins im August 1961 führte zur Trennung zwischen Berlin-Verkehr und Interzonenverkehr. Vom Winterfahrplan 1961/62 an legten die Berlin-Züge zwischen der innerdeutschen Grenze und Berlin Zoo keinen Verkehrshalt mehr ein. Das heißt freilich nicht, dass man mit den Zügen nicht mehr in die DDR bzw. nach Ost-Berlin kam. Reisende mit grenznahen Zielen konnten in den Kontrollbahnhöfen auf DDR-Gebiet aussteigen und mit Anschlusszügen der Reichsbahn von dort weiter fahren. Was Ost-Berlin anbetraf, so behielt man seinen Platz im Zug einfach über den Bahnhof Zoo hinaus.

Nächster Halt (und meistens Zugziel) war der Bahnhof Friedrichstraße, wo die Grenzkontrolle der DDR wartete. In manchen Wagen der Berlin-Züge durfte man auch in Friedrichstraße sitzen bleiben; sie rollten als »für Reisende zugelassener Leerzug« zum Ostbahnhof und wurden dort internationalen Schnellzügen in Richtung Polen und Sowjetunion beigestellt.

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