Die Entwicklung der Schmalspurbahnen in Deutschland

Ende des 19. Jahrhunderts setzte in Deutschland ein Bauboom ein, der zig Schmalspurbahnen entstehen ließ. Diese Vielfalt brachte den Regionen Anschluss an die »weite Welt«. Text: Wolf-Dietger Machel
Mit 600 Millimetern Spurweite war die Mecklenburg-Pommersche Schmalspurbahn in Deutschland eherein Sonderfall. Im Jahr1966 stehtLok99 3353 mitihrem Zug im Bahnhof Wegez in-Dennin Otte/Slg. © H. Brinker
Systematisch trieben Europas Staaten seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Bau von Eisenbahnen mit der Regelspurweite 1.435 Millimeter voran. Das ermöglichte einen zeitgemäßen Personen- und Güterverkehr zwischen Industrie- und Handelszentren einerseits und größeren Städten andererseits. Daneben sollte die Eisenbahn aber auch Gebiete außerhalb dieser Zentren erschließen. Die hierfür gebauten »Zweigbahnen« spielten aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens oftmals nicht die Baukosten ein.

Internationale Erfahrungen zeigten, dass Eisenbahnen im Bau und Betrieb billiger sein konnten, wenn man eine geringere Spurweite wählt. In England gab es seit 1832 eine Schmalspurbahn mit der Spurweite 597 Millimeter, von 1828 bis 1836 entstand in Österreich die Strecke Budweis – Linz mit der Spurweite
1.106 Millimeter. In beiden Fällen zogen Pferde die Wagen.

785-Millimeter-Spur
Die Geburtsstunde der deutschen Schmalspurbahnen schlug am 24. März 1851 im heute zu Polen gehörenden Oberschlesien. An jenem Tage konzessionierte die preußische Regierung den Bau von Strecken in einer Spurweite von 785 Millimetern (2,5 Fuß). Die Strecken wurden 1855 eröffnet und zunächst mit Pferden betrieben; als zwei Jahre später die ersten Dampflokomotiven zum Einsatz kamen, war das Schmalspurnetz bereits auf 134,5 Kilometer Länge gewachsen. Im Juni 1904 übernahmen die Königlich Preußischen Staatseisenbahnen die Strecken. Teile des Netzes blieben bis in die 1990er-Jahre in Betrieb.

Als zweite deutsche Schmalspurbahn entstand ab 1862 die Bröltalbahn. Sie erschloss mit ihrem später auf 88 Kilometer ausgebauten Streckennetz verschiedene Hütten- und Bergwerksstandorte – ähnlich wie in Oberschlesien. Das 1921 in Rhein-Sieg-Eisenbahn umbenannte Unternehmen hatte bereits 1863 den Lokomotivbetrieb und 1872 den Personenverkehr eingeführt. Nachdem 1956 der Personenverkehr eingestellt worden war, endete der Güterverkehr auf der verbliebenen Reststrecke Beuel – Eulenburg am 27. Mai 1967. Damit existierte die zweitälteste deutsche Schmalspurbahn immerhin 105 Jahre.
Das durchschnittliche Anlagekapital betrug in Deutschland anno 1880 je Kilometer Normalspurbahn 111.362 Mark. Bei der Bröltalbahn kamen auf einen Kilometer Strecke lediglich 23.085 Mark. Der Bau und Betrieb von Schmalspurbahnen war also wesentlich günstiger. Andererseits musste man höhere Aufwendungen in Kauf nehmen, wenn Fracht über den Einzugsbereich dieser Bahnen transportiert wurde; sie musste zwischen Schmal- und Normalspur umgeladen werden. Wohl auch deshalb blieben die beiden Erstlinge bis 1879 allein auf weiter Flur.

Der Durchbruch gelingt
Aber auf Dauer sprach der Kostenvorteil doch für die Schmalspurbahnen. Besonders landwirtschaftlich geprägte Gebiete benötigten für die Weiterentwicklung Eisenbahnanschlüsse, und immer öfter fehlte in solchen Fällen das Geld für Normalspurstrecken. Und so billigte die am 1. Juli 1878 reichsweit in Kraft getretene »Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung« auch den Bau von Schmalspurbahnen mit den Spurweiten 750 und 1.000 Millimeter zu.

In den folgenden Jahren setzte ein regelrechter Schmalspurbahnboom ein. So zum Beispiel im Königreich Sachsen, dessen Regierung 1879 beschloss, den Bau von Bahnen mit 750 Millimetern Spurweite anstelle der etwas teureren »vollspurigen Secundairbahnen« in Angriff zu nehmen. Nach Inbetriebnahme der Linie Wilkau – Kirchberg entstanden zahlreiche  Schmalspurstrecken und -netze.   

Als 1923 die letzte Linie fertig gestellt wurde, gab es in Sachsen 542 Kilometer Schmalspurbahnen. Das Königreich Preußen wiederum überließ die Schmalspurbahnen weitgehend Kreisen, Kommunen und Einzelinteressenten. Grundlage hierfür war das am 28. Juli 1892 verabschiedete »Gesetz über die Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen«. Es ermöglichte sowohl den Bau und Betrieb von Normalspurbahnen als auch von Schmalspurbahnen, vorzugsweise mit den Spurweiten 600, 750 und 1.000 Millimeter.

Der Begriff »Kleinbahn« bezog sich dabei nicht auf die kleineren Spurweiten, sondern auf die mit dem Gesetz festgelegten kleineren (besser: beschränkten) Verkehrsbefugnisse, die insbesondere den Durchgangsgüterverkehr auf derartigen Bahnen ausschlossen. Damit wollte Preußen verhindern, dass die Kleinbahnen den Staatseisenbahnen Transporte abspenstig machten.

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