Die Frankenwaldbahn Lichtenfels – Saalfeld

Bis 1945 war sie eine der wichtigsten Strecken in Deutschland, danach fiel die Frankenwaldbahn in einen Dornröschenschlaf. Der Betrieb lief mit ausgedünntem Zugverkehr, langwierigen Kontrollen an der Grenze und auf eingeschränkter Trasse. Die Relation Lichtenfels–Saalfeld hatte sich zu einer klassischen Interzonenstrecke entwickelt. Von Andreas Knipping
Um die Mittagszeit erlebt Ludwigsstadt einen Hauch von Fernverkehr: D 302 München – Berlin rollt über die Trogenbachbrücke und legt gleich einen Halt im hiesigen Bahnhof ein. Es ist der letzte Stopp vor der Fahrt über die Grenze (Bild aus den 80er-Jahren) © Andreas Knipping
Auf die Ansage für den Zug verzichteten die Bediensteten niemals, auch nicht in der Nacht. „Probstzella, Probstzella! Herzlich willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik! Der eingefahrene D 300 fährt ohne Verkehrshalt in der Deutschen Demokratischen Republik durch das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik nach Berlin-West. Reisende mit Reisezielen in der Deutschen Demokratischen Republik steigen bitte hier aus und melden sich zur Grenzkontrolle.
Die genaue Uhrzeit: 3 Uhr 27.“ So plärrte es aus dem Lautsprecher, rief sich die Grenzübergangsstelle an der Strecke Lichtenfels – Saalfeld den Reisenden (und  Schlafenden) des Schnellzugs München – Berlin ins Gedächtnis. Die DDR wurde gebührend mit erwähnt.

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten angesehene Fernreisezüge hier den Weg von der Isar an die Spree genommen. Fernschnellzüge rollten über diese Verbindung und auch ein „Fliegender Zug“, einer der berühmten Reichsbahn-Diesel-Schnelltriebwagen. Achtlos waren sie durch Probstzella gefahren, niemand hatte ihnen in der kleinen Thüringer Station die Zeit genannt. Doch seit der deutschen Teilung gingen die Uhren anders. Probstzella, der Ort nahe an der Demarkationslinie zum Westen, war jetzt ein Grenzbahnhof der DDR.

Die künftigen Siegermächte hatten 1944 Bayern einer amerikanischen und Thüringen einer sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen. Von Anfang Juli 1945 an führte die Frankenwaldbahn nördlich der kleinen Siedlung und der Ausflugsgaststätte Falkenstein über die Zonengrenze. In der US-Zone war nun Ludwigsstadt der letzte Bahnhof (nördlich davon gab es noch den Haltepunkt Lauenstein), in der Sowjetzone Probstzella. Von der zweigleisigen Strecke bauten Reichsbahner wenig später auf thüringischer Seite ein Gleis als Reparationsleistung für die Sowjetunion ab. Züge fuhren zunächst nicht mehr. Ebenfalls zu Reparationszwecken wurde am 29. März 1946 die Fahrleitung jenseits der Zonengrenze abgeschaltet und wenige Tage später demontiert.
Menschenleer zeigte sich das enge Loquitztal mit Reichsstraße und Eisenbahn in dieser Zeit dennoch nicht. Zu Fuß konnte man die Lücke des Eisenbahnbetriebs zwischen Lauenstein und Probstzella durchaus überwinden, wenn man den Kontrollposten geeignete Dokumente vorlegte – oder ihnen mit etwas Geschick aus dem Wege ging.

Am 19. Oktober 1946 wurde der Eisenbahnverkehr auf bayerischer Seite bis zu einer Haltestelle „Falkenstein Zonengrenze“ ausgedehnt, der freilich mangels Weichen nur mittels Sperrfahrt bedient werden konnte. Der Bahnsteig entstand auf dem Planum des auf bayerischer Seite entbehrlich gewordenen zweiten Streckengleises – dieses baute die Reichsbahn (West) ab, um den vom Krieg schwer getroffenen Rangierbahnhof Nürnberg auszubessern. Zur provisorischen Grenzstation im Süden wurde der nach Lage und Kapazität wenig geeignete Bahnhof Ludwigsstadt erweitert. Große Bedeutung hatte das noch nicht: Die einzigen grenzüberschreitenden Züge waren 1946/47 Güterzüge von Thüringen nach Thüringen, nämlich zwischen Probstzella und Lehesten. Am 16. September 1947 begann regelmäßiger Fern-Güterverkehr über die Frankenwaldbahn zwischen Thüringen und der Schweiz. Mit dem Beginn der Blockade Berlins im Juni 1948 endete diese Episode wieder.

Bescheidener Neubeginn
Zur Unterstützung des mehr oder weniger legalen Grenzverkehrs auf Schusters Rappen ließ die Westzonen-Reichsbahn bereits ab 1948 elektrische Eiltriebwagen zwischen Nürnberg und Ludwigsstadt pendeln. Ab 17. August 1949 liefen manche dieser mit ET 31 geführten Züge bis Falkenstein Zonengrenze durch, ab 1. September 1949 dann fast alle. Und – beachtliches Zusammenspiel der beiden offiziell immer schärfer verfeindeten Verwaltungen! – genau ab 25. August 1949 ließ die Sowjetzonen-Reichsbahn dreimal pro Woche einen Schnelltriebwagen zwischen Probstzella und Berlin fahren. Für die Kinder der grenznahen Ortschaften übrigens wurde der Gepäck-Transfer per Handwagen für die Interzonenreisenden zu einer beachtlichen Geschäftsidee.

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