Die Konkurrenten der DB

Seit der Bahnreform 1994 hat sich der Privatbahn-Sektor in Deutschland sprunghaft entwickelt. Über 400 Unternehmen sind heute im Schienenverkehrswesen aktiv. Tendenz: steigend. Von Karl-Heinz Siebert
Der Rhein in privater Hand: Gleich drei NE-Bahnen befahren am 8. April 2011 die Strecken in Höhe des Ortes Kestert (siehe Text) 	Georg Wagner © Georg Wagner
Ein Aprildonnerstag 2011 am Rhein: Auf der rechten Flussseite ist ein FLIRT-Triebzug der VIAS auf dem Weg von Wiesbaden nach Koblenz und erreicht soeben den kleinen Ort Kestert. Drüben auf der linken Rheinstrecke rollt derweil der Güterverkehr; im Schlepp einer 185 von ERS Railways poltert ein Containerzug dahin und begegnet gleich einem Kesselwagenzug, den ein Taurus der Mittelweserbahn in Gegenrichtung führt. Drei Beispiele, wie es sie täglich zigfach in Deutschland gibt, wenngleich sie nicht immer so direkt beieinander liegen. Längst sind Privatbahnfahrzeuge und -dienstleistungen auf deutschen Gleisen zu einem gewohnten Bild geworden. Vielfach auch dort, wo die Deutsche Bahn vor wenigen Jahren noch allein auf weiter Flur fuhr.

Die Bahnreform und die Folgen
Seit der Bahnreform 1994 haben sich der Markt und das Bild bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) grundlegend geändert. Geändert heißt zunächst: sprunghaft vermehrt. Mit der Umsetzung der in Europa vorgesehenen Liberalisierung des Schienenverkehrsmarktes in Deutschland sollte die Konkurrenz das Geschäft beleben. In Deutschland wurden durch den Gesetzgeber der freie Zugang zum Schienennetz eingeführt und die Leistungsvergabe im Nahverkehr neu geregelt. Daraufhin unternahmen einige etablierte Nichtbundeseigene Eisenbahnen (NE-Bahnen) den Sprung über das bisherige Geschäftsfeld hinaus, vor allem aber gründeten sich neue Unternehmen, die den Einstieg in den Bahnbetrieb wagten.

Es entstand ein großes und außerordentlich vielseitiges Spektrum von NE-Bahnen (oder: Privatbahnen). Ende April 2011 waren in Deutschland als öffentliche Eisenbahnverkehrsunternehmen insgesamt 404 Firmen bei der Aufsichtsbehörde Eisenbahnbundesamt (EBA) zugelassen. Darunter finden sich Dienstleister ohne eigene Fahrzeuge, aus Eisenbahnvereinen entstandene kleine Unternehmen, Betriebe mit einer Handvoll Loks, klassische NE-Bahnen und EVU von ausländischen Investoren. Manche Eisenbahnvereine sind sogar selbst für ihre Museumsbahnverkehrsleistungen als Unternehmen zugelassen. Dabei nehmen nicht alle zugelassenen Unternehmen aktiv am Bahnmarkt teil. Viele haben zwar eine Genehmigung, nutzen diese aber gar nicht. Andere EVU wiederum übernehmen nur für Drittfirmen die Verantwortung für die Verkehrsdurchführung und treten daher in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht in Erscheinung. So fungiert die Deutsche Museums-Eisenbahn GmbH (DME) als Trassenbesteller für zahlreiche Bahnunternehmen. Über 1.000 Zugfahrten werden teilweise pro Woche über sie abgewickelt, wobei der geringste Teil auf eigene Leistungen oder Museumsfahrten entfällt, für die das Unternehmen ursprünglich als EVU zugelassen wurde.


Die Aktivitäten der Privatbahnen gestalten sich außerordentlich vielseitig. Im Wettbewerb zur quasi staatlichen Deutschen Bahn AG konkurrieren sie etwa um Bestellungen für Nahverkehrsleistungen oder um Aufträge im Gütertransport. Gerade im Frachtverkehr und im Bereich der Bauzugleistungen konnten viele neue Bahnen schnell Fuß fassen. Zum Teil kam es aber auch zu Kooperationen. So wären im Güterverkehr mit dem DB-Programm Mora C Anfang des neuen Jahrtausends zahlreiche Ladestellen geschlossen worden. Dank der Zusammenarbeit mit privaten EVU blieben einige davon erhalten. Die Privaten können oftmals durch günstigere Kosten und eine höhere Flexibilität anders kalkulieren, was auch für die DB Kostenvorteile bringt. Im Personenverkehr gibt es ebenfalls Beispiele solcher Zusammenarbeit.
 

Wandel im Bestand

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