Ein Ausflug zur Marschbahn 1972: Noch einmal ...

Im Sommer 1972 schränkt die Bundesbahn den Aktionskreis ihrer Dampfloks immer mehr ein. Also nutzt Martin Weltner die Schulferien, um von Hameln aus nach Norden zu fahren.

Text: M. Weltner
Buchstäblich die Spitze jeder Marschbahn-Fahrt: Auf der Brücke in Hochdonn eilt die 012 gut 50 Meter über dem Erdboden dahin und gibt vor ihrem Zug nach Hamburg ein Ohren betäubendes Getöse von sich (Bild von 1970)Jürgen Krant © Jürgen Krant

Es klingt nach der letzten Chance. Von 1969 bis 1971 hat ein Wirtschaftsaufschwung den Bundesbahn-Dampfloks noch eine Renaissance beschert, doch jetzt, 1972, geht es mit den schwarzen Rössern steil bergab. Die Bundesbahn-Direktionen wetteifern förmlich darum, möglichst schnell »dampffrei« zu werden. Die BD Hamburg mischt ebenfalls mit: Anfang des Jahres hat sie angekündigt, mit Ablauf des Sommerfahrplans ihre letzten Dampflokomotiven abzustellen oder abzugeben. Das bedeutet das Ende der ­Güterzugloks der Baureihe 50 und der Rangiertenderloks der Baureihe 94 in Hamburg-Rothenburgsort, und das bedeutet vor allem das Ende der stolzen, ölgefeuerten Schnellzugdampflok 0110 (seit 1968: 012) beim Bw Hamburg-Altona. Völlig klar, das Dampf-Ende naht.
Auch die Olympischen Sommerspiele, die Deutschland 1972 veranstaltet, wirken sich aus. Die Bundesbahn ist bestrebt, den Besuchern ein fortschrittliches Bild zu präsentieren. Im Klartext: möglichst keine Dampflok mehr im Planbetrieb, nur noch Ausstellungsstücke. In München, dem Haupt-Austragungsort, kann man das leicht bewerkstelligen, der planmäßige Dampfbetrieb ist dort schon zu Ende gegangen. In Kiel, dem Austragungsort für verschiedene Wassersport-Disziplinen, sieht das zu Jahresbeginn 1972 anders aus. Vor den schweren Schnellzügen ist oft die 012 am Werk. Zum Beginn des Sommerfahrplans aber hat die DB das geändert. Die Dampfloks sind der Dieseltraktion gewichen, der 012 bleibt seither nur die Marschbahn Hamburg – Westerland. Immerhin werden die stolzen Pazifik-Maschinen dort voll gefordert: Lange, schwere Garnituren mit bis zu 15 Schnellzugwagen und Geschwindigkeiten bis 135 km/h stehen auf dem Plan. Und dann hat die Marschbahn noch ihren landschaftlichen und betrieblichen Höhepunkt, die 50 Meter hohe Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Hochdonn. Lange Rampen führen auf beiden Seiten zur Brücke, was den eingesetzten Dampfloks bei ihren Zuglasten alles abverlangt.

Die 012 hat damit noch ein solides Einsatzgebiet. Für die Fahrten werden drei Maschinen täglich benötigt, die durchschnittlich 681 Kilometer am Tag erbringen. Der Dienstplan umfasst drei Schnellzugpaare und ein Eilzugpaar zwischen Hamburg und Westerland, ferner eine morgendliche Leistung nach Neumünster und zurück. Hochbetrieb herrscht im Sommer 1972 immer mittwochs; von Ende Mai bis Mitte September braucht die DB für vier Saison-Schnellzugpaare weitere vier 012er. Zur Verfügung stehen dem Bw Altona neun Maschinen: 012 001, 061, 071, 077, 081, 082, 102, 103 und 105.
Schon im Frühjahr 1972 habe ich beschlossen: Ich muss noch einmal nach Hamburg, um mich von der 012 im hochwertigen Schnellzugverkehr zu verabschieden. Noch einmal nach Hamburg? Ja, eine Klassenfahrt hat mich bereits im Sommer 1971 dorthin geführt. Dank eines verständnisvollen Klassenlehrers durfte ich mich von der Gruppe absetzen und mehrere Stunden auf dem Bahnhof Hamburg-Altona verbringen. Und dort stand ich dann vor ihnen, den Stars des Bw Altona; ich erinnere mich an 012 001, 103 und 105, auch die sechsachsige 230 001 fand mein Interesse, obwohl es ja »nur« eine Diesellok war ...

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