Eine Fahrt im D 443

Die Reise mit dem Interzonenzug war ein Wechselbad der Gefühle: Verwunderung hier, bange Momente da. Heiko Focken hat es erlebt – zum Beispiel im D 443, mit dem er 1987 von
Hannover zu Verwandten in Halle an der Saale fährt. Von Heiko Focken
Schon äußerlich zeigt das Interzonenzug-Paar D 442/443 auf den DB-Gleisen seine Sonderrolle: Eine ozeanblau-beige Diesellok zieht elfenbein-grüne Reichsbahn-Wagen. Hier mit 218 907 und D 442 in Isenbüttel (Strecke Oebisfelde – Hannover, Mai 1988) © Selbermachen Media
Nicht nur der Kenner der Eisenbahn merkt bei der Einfahrt des Zuges, dass zwischen D 443 und D 2443 mehr liegt als die Uhrzeit und die Zugnummer. Beide fahren von Minden nach Hannover, aber D 443 sticht aus der Gleichförmigkeit des blau-beige dominierten Fernverkehrsalltags der Bundesbahn hervor. Die Reichsbahnwagen des Interzonenzuges sind hellgrün-dunkelgrün lackiert und passen farblich überhaupt nicht zur wiederum blau-beigen Lokomotive davor. Wer kombiniert bei seiner Kleidung Ozeanblau mit Hellgrün? Im Inneren des Zuges empfangen einen recht großzügige Abteile in gediegenem Holzimitat. Doch statt auf den aus D 2443 gewohnten Plüschsitzen nehme ich auf schwitzigen Kunstledersitzen Platz, die mitunter sogar in Achter-Abteilen angeordnet sind. Das Fluidum der Deutschen Reichsbahn, es hat mich schon tief im Westen ergriffen.

Komplettiert wird es durch den allgegenwärtigen Geruch des Desinfektionsmittels Wofasept. Eine penetrante, leicht muffige Note durchzieht den Wagen und setzt sich binnen kürzester Zeit in der Kleidung der Reisenden fest. Ich werde später einen Vollwaschgang brauchen, um das wieder aus Jacke, Hose usw. zu entfernen. Die Fenster der Reichsbahnwagen haben die unangenehme Eigenschaft, nach dem Öffnen oftmals selbsttätig zurück nach oben schnellen zu wollen. Wehe dem, der die auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Russisch (aber nicht Englisch) gehaltenen Hinweise „Nicht hinauslehnen!“ missachtet – er kann einen mächtigen Kinnhaken verpasst bekommen.
Der Fahrplan des Interzonenzuges nimmt sich im Bundesbahnland mit seinen pfeilschnellen Intercityzügen und zunehmend vertakteten Schnellzuglinien exotisch aus. Doch die zumeist reifere Generation, Hauptklientel dieses Zugangebots, begehrt nun einmal nach Verbindungen ohne Umstieg. Folglich nimmt ein D 443 auch in Orten wie Gütersloh, Herford oder Bad Oeynhausen seine Kundschaft auf – Orte, durch die ein Intercity achtlos hindurchrauscht.

Auf dem Weg nach Oebisfelde 
Seit Hannover schleppt uns eine Bundesbahn-Diesellok namens 216  gen Osten – und sie tut sich ganz schön schwer mit den zehn Wagen. Die markanten Schlote des Wolfsburger VW-Werkes liegen schon hinter uns, doch so richtig auf Geschwindigkeit bringt die Lok den Zug nicht. Oder hat sie Skrupel, ihre Fahrgäste nach Oebisfelde zu befördern, in einen Bahnhof, der für jede Interzonenreise die Zäsur darstellt? In jenen Bahnhof, der die blecherne Lautsprecheransage „Willkommen in der Deutschen Demokrat’schen Republik“ durch Stacheldraht, übermannshohe Zäune, Beobachtungstürme und Sichtschutzblenden selbst konterkariert?

Sage und schreibe 45 Minuten sieht der Fahrplan für den Halt in einem Ort vor, der eines Schnellzugstopps unter normalen Umständen nicht würdig wäre. Doch hat jeder, der einmal die zermürbende Prozedur an der Zonengrenze ertragen musste, bei der Erwähnung von Oebisfelde (wie etwa Schwanheide, Probstzella oder Gutenfürst) bleibende Bilder und Töne im Kopf. Es ist der Bahnhof der knallenden Abteiltüren, der Uniformierten mit schnarrenden Stimmen und sächselndem Klang, die ohne Freundlichkeit nach Reisepass, Visum, Zählkarte und Devisendeklaration verlangen. Es ist außerdem der Bahnhof der erniedrigenden Gepäckkontrolle, der Aufforderung „Verlassen Sie das Abteil!“, nach der die Uniformierten die Deckenverkleidung untersuchen und unter die Sitzbänke schauen. Systemgrenzen werden nun mal nicht mit „Kontrollen im fahrenden Zug“ überwunden. Abschließend die Frage, ob man jetzt schon D-Mark in Mark der DDR umtauschen wolle – 25 Mark pro Tag und erwachsene Person, ein stolzer Preis

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