Ellok-Baureihe 212/243 der Deutschen Reichsbahn - Die „Weiße Lady“

Als Vorreiter einer neuen Ellok-Serie fertigte LEW (Lokomotivbau Elektrische Werke) Hennigsdorf Anfang der 80er-Jahre den Prototypen der Ellok-Baureihe 212/243. Wegen der Farbgebung „Weiße Lady“ genannt. Von 1982 bis 1984 musste die Maschine bei der Reichsbahn eingehende Prüfungen absolvieren.

„Weiße Lady“ in ihrer vollen  Pracht © Rainer Heinrich
Es war der Prototyp der Ellok-Baureihe 212/243, den die Deutsche Reichsbahn 1984 zur Erprobung in die Einsatzstelle Zwickau schickte. Die Dienststelle, organisatorisch dem Bw Reichenbach zugeordnet, hatte sich für die Tests der 212 001 speziell vorbereitet. Eigens für diesen Zweck wurde in Zwickau ein ausgedienter Reko-Personenwagen der Gattung Bag herangezogen. Wagen 505023-24 700-2 ehemals beheimatet in Arnstadt, erhielt modernste Messgeräte und diente als stationärer Messwagen. Messingenieure der Reichsbahn und des Herstellerwerkes prüften nach einer bestimmten Laufleistung der Lok mehrmals die elektrischen Leitungen. Erstmals bestand diese nicht aus dem üblichen Werkstoff Kupfer, sondern aus einer neu entwickelten Aluminium-Legierung, sowie die völlig neu entwickelte Steuer- und Informationselektronik.

Warum ausgerechnet in Zwickau dieser Diagnoseprüfstand eingerichtet wurde, lag in der Entscheidung der Hauptverwaltung der Maschinenwirtschaft (HvM). Für den Standort sprach, dass sich dort eine Vielzahl der Versuchsfahrten konzentrierte. Auch war die Ellok-Werkstatt in Zwickau mit Fachpersonal gut besetzt.

Neuheit 212 001

Die fortschreitende Elektrifizierung bei der Deutschen Reichsbahn hatte zu Beginn der 80er-Jahre den Bedarf an modernen, energiesparenden und vielseitig einsetzbaren elektrischen Triebfahrzeugen steigen lassen. Diesen Anforderungen sollte nun die vom Lokomotivbau Elektrische Werke (LEW) in Henningsdorf gefertigte Mehrzwecklok mit der Betriebsnummer 212 001-2 (Fabrik-Nr.16323) gerecht werden. Erstmalig sah die Öffentlichkeit den Prototypen im März 1982 auf der Leipziger Frühjahrsmesse. Die neue Lok war auch äußerlich innovativ: Die weiße Lackierung mit bordeauxroten Zierstreifen über dem gesamten Lokkasten verliehen dem Triebfahrzeug ein elegantes Aussehen. So verwundert es nicht, dass die neue Lok den Beinamen „Weiße Lady“ erhielt.  

Die erste Fahrt der „Weißen Lady“

Noch vergingen Monate für Standversuche, ehe 212 001 erstmals am 5. Juli 1982 im Bw Jüterbog ihre Stromabnehmer an den Fahrdraht setzte. Unter den kritischen Blicken der Mitarbeiter des LEW und der Reichsbahn wurde sie in Betrieb genommen.

Die offizielle Endabnahme der 212 001 folgte am 27. August 1982 im Raw Dessau. Dem Bw Halle P zugeordnet, begann im September 1982 die Betriebserprobung der neuen Lok, vorwiegend im schweren Schnellzugdienst auf der Relation Berlin – Halle – Erfurt.

Als Baureihe 212 weilte die „Weiße Lady“ erstmals vom 15. bis 17. Dezember 1982 auf dem Diagnose-Messstand in Zwickau. Zwei weitere Messuntersuchungen folgten am 17. Februar 1983 und 8./9.August 1983. Am 6. Juni 1983 befuhr die 212 001 mit einem Messwagen der VES M von Leipzig kommend über Zwickau – Dresden das sächsische Eisenbahndreieck. Zwischendrin gab es eine Pause, um die „Weiße Lady“ den Eisenbahnfreunden zu präsentieren. Das geschah am 15. Mai 1983 anlässlich einer Sonderzugfahrt des Bezirksvorstands Halle des Deutschen Modelleisenbahnverbands zusammen mit E 04 01. Nach dem dritten Messaufenthalt in Zwickau folgten ab 10. August 1983 mit der neuen Lok beim Bw Dresden Erprobungen des Zugfunks auf der Strecke Dresden – Bad Schandau.

Von 212 zu 243

Im September 1983 – die Lok hatte inzwischen 90.000 Kilometer zurückgelegt – fand im Raw Dessau die vorgeschriebene Probezerlegung der 212 001 statt. Bei dieser Gelegenheit nahm man auch die baureihenbedingte Getriebeänderung zwischen Großrad und Ritzel vor. Am 14. Oktober 1983 verließ die ehemals 160 km/h schnelle 212, nunmehr als 243 001-2 bezeichnet und nur noch 120 km/h schnell, das Dessauer Werk. Erneut kam sie zur Betriebserprobung durch die VES M zum Bw Halle P. Erstmals wurde die Lok nun auch im Güterzugdienst getestet. Am 8. und 9. Februar 1984 weilte die „Weiße Lady“ erstmals als Baureihe 243 auf dem Diagnoseprüfstand in Zwickau. Als Vorspannlok am D 766 verließ die Lok am 9. Februar 1984 wieder den sächsischen Bahnknoten und ging nach Halle zurück.

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