Gleise im Visier: Ein Luftangriff auf die Strecke München – Rosenheim 1945

Im Frühjahr 1945 ist die militärische Lage für das Deutsche Reich katastrophal. Die westlichen Alliierten wie die Rote Armee stehen schon auf deutschem Gebiet und dringen unaufhaltsam vor.

Von Peter Cronauer/GM
US-Soldaten besichtigen im April 1945 den zerstörten Kölner Hauptbahnhof – 262 Luftangriffe bekam die Stadt im Krieg ab. In Bayern rückt die US-Armee im selben Monat in Richtung München vor. (Slg. Dr. Brian Rampp) © Slg. Dr. Brian Rampp

Fliegeralarme gehören im Frühjahr 1945 längst zum Alltag der Bewohner des Landkreises Ebersberg, südöstlich von München. Schon seit Jahren können sie hier beobachten, wie Formationen der US Army Air Force (USAAF) tagsüber ihre Kondensstreifen hoch oben in den Himmel ziehen; im Schutz der Nacht kommen dann Flugzeuge der britischen Royal Air Force (RAF), die man nur selten sieht, aber umso besser hört. Bislang sind sie noch immer über den Landkreis Ebersberg hinweg geflogen, Richtung München, Ingolstadt, Augsburg oder weiter.
Am Samstag, dem 21. April 1945, wird sich das ändern. Um 9:45 Uhr heulen im südöstlichen Umland Münchens die Sirenen: Fliegeralarm! Vorerst handelt es sich zwar nur um eine „Vorwarnung“, doch die Bevölkerung der eher ländlichen Region zwischen Rosenheim, Wasserburg und München weiß, was das heißt. Die 13 Jahre alte Mathilde Bauer aus Grafing erinnert sich später: „Der Heulton der `Vorwarnung´ bedeutete, dass die nächstgelegene deutsche Grenze – für uns bedeutete das Laibach oder der Brenner – von einer Bomberformation überflogen worden war. Sobald die Flugabwehr die Flugroute und damit das mutmaßliche Abwurfziel der Bomber ausmachen konnte, wurde im gefährdeten Gebiet mit veränderter Tonfolge der `Hauptalarm´ ausgelöst.“ Kurze Zeit später ist auch dies der Fall. Nun gilt der „Katalog für Verhaltensmaßnahmen im Ernstfall“. Die Leute müssen sich in Sicherheit bringen und „Luftschutzräume“ aufsuchen; wer diese Anweisungen nicht befolgt, macht sich sogar strafbar.

Die Maschinen, vor denen der Fliegeralarm warnt, unterstehen der 15. US Air Force. Ihre Bomber- und Jagdgeschwader sind mit einer Personalstärke von mehr als 80.000 Mann auf diversen Flugplätzen im Großraum Foggia in Italien stationiert. Das Kriegstagebuch der USAAF gibt Auskunft über die Einsätze am 21. April und deren Ziele. Unter anderem werden darin 138 Jagdbomber vom Typ Lockheed P-38 „Lightning“ genannt, die an jenem 21. April Gleise und sonstige Einrichtungen der Reichsbahn zwischen Rattenberg, Rosenheim und München anzugreifen haben. Ihr Einsatz ist Teil einer seit längerem verfolgten Strategie zur systematischen Zerstörung der deutschen Verkehrswege.

Der Tag hat für die Piloten bereits am frühen Morgen begonnen. Nach dem Frühstück versammelten sie sich in den Besprechungsräumen ihrer Flugplätze bei Lésina, Triolo und Vincenzo in Italien. Begrüßt wurden sie mit den Worten „Good mornin´ Gentlemen, our targets today are …“ („Guten Morgen, meine Herren, unsere heutigen Ziele sind ...“)
Anschließend erhielten sie ihre Tagesbefehle, bekamen Angriffsziele sowie Zeitplan genannt und wurden über die Wetterverhältnisse, mögliche Gefahren und sonstige Umstände von Bedeutung informiert. Danach bereiteten sie ihre Einsätze vor, kletterten in die gewarteten und aufmunitionierten Maschinen und machten sich auf den rund 1.000 Kilometer langen Weg nach Süddeutschland. Für die P-38-Flugzeuge ist das eine Kleinigkeit. Sie haben eine Reichweite von 2.100 Meilen, also rund 3.380 Kilometer, den Flug nach München schaffen sie in zwei bis zweieinhalb Stunden.
Nicht alle 138 „Lightnings“ haben denselben Weg. Sie sind verschiedenen Zielen zugeteilt, und die 35 Jagdbomber, die für den Angriff auf den nördlichen Abschnitt der Bahnlinie München – Rosenheim vorgesehen sind, erreichen ihr Zielgebiet circa 15 Minuten nach Einsetzen des Voralarms. Die Piloten finden akzeptable Wetterverhältnisse vor, „wolkig mit zeitweiliger Aufheiterung“. Ihr erster Angriff gilt dem Bahnhof Aßling. Im Tiefflug stürzen sie auf ihr Ziel und werfen 25 Sprengbomben, Gewicht jeweils 500 Pfund; die Explosionen zerstören Stellwerk, Empfangsgebäude und Gleisanlagen, weiterhin drei Dampflokomotiven, zwei Wagen sowie vier Flakwagen. Mehrere Häuser in der Nachbarschaft werden beschädigt.

Vorkehrungen der Reichsbahn
Das nächste Ziel, Grafing Bahnhof, ist nur rund acht Kilometer von Aßling entfernt – für die mehrere hundert Stundenkilometer schnellen Flieger eine Kleinigkeit. Sie werfen 16 Sprengbomben, und obwohl fünf davon als Blindgänger nicht detonieren, werden auch hier die Gleisanlagen aufgerissen und nahe stehende Gebäude getroffen. Zwei Wohnhäuser werden zerstört bzw. schwer beschädigt.

Seiten

Tags: 
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Schnelltriebwagen: Von den Reichsbahn-SVT bis zum Bundesbahn-403

Wenn Sie das nächste Mal an den Bahnhof Berlin-Lichtenberg kommen, sollten Sie es nicht versäumen, über die Bahnsteige hinweg einen Blick auf eines der seitlichen... weiter

Bahn-Jahrbuch 2017

Ende für den DB-Nachtzug, Anfang mit dem ICE 4 und vieles mehr: Das Bahn-Jahrbuch berichtet über das aktuelle Bahn-Geschehen. 

Willkommen auf der Nebenbahn

Schauen Sie mal: Am 26. April 1974 trifft ein Nahverkehrszug...

weiter