Im Zeichen ...

Der »Neptun« wurde zunächst in Etappen gefahren: Erst ab 1964 hatte die Reichsbahn auch die Fähre, um die exklusiven Triebwagen VT 18.16 über die Ostsee zu bringen.

Text: Erich Preuss
Besuch aus Deutschland: Im September 1965 hat das Fährschiff Warnemünde den »Neptun« nach Dänemark gebracht. Triebzug VT 18.16.02 rollt in Gedser von Bord Historische Slg. der DB AG © Slg. der DB AG

Vom Sommer 1959 an wurde der Eisenbahn-Reiseverkehr der DDR internationaler. Züge mit Namen fuhren nun zu ausländischen Zielen. Den Erstlingen folgte am 29. Mai 1960 auch der »Neptun« Berlin – Kopenhagen, für den die Deutsche Reichsbahn (DR) wie beim »Karlex« Berlin – Karlsbad und dem »Hungaria« Berlin – Budapest Dieseltriebzüge einsetzte. So populär wie diese beiden Verbindungen wurde der nach dem römischen Meeresgott benannte Zug nach Skandinavien jedoch nicht – wohl, weil er nur einem kleinen Kreis nutzte. Die Kundschaft umfasste Auslandsdienstreisende der DDR, West-Berliner mit Ziel Dänemark und Dänen mit Ziel West-Berlin. Für Skandinavien-Urlauber aber waren die Verbindungen über Großenbrode bzw. Puttgarden und über Saßnitz günstiger.

Die Frage der Fähre

Ohnehin stand die Eisenbahnfährverbindung Warnemünde – Gedser immer im Schatten der Verkehrspolitik. Die Triebwagen der Baureihe SVT 137, Bauart »Hamburg«, vom Bahnbetriebswerk ­Berlin-Karlshorst fuhren zunächst nur bis Warnemünde. Sie zu trajektieren, war nicht vorgesehen; der DR fehlte das Fährschiff. Die »Mecklenburg« war von der britischen Armee beschlagnahmt und als Reparationsgut der UdSSR übergeben worden, die »Schwerin« auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht abgewrackt. Deshalb blieb es den Dänen überlassen, mit der »Danmark« die Linie Gedser – Warnemünde zu bedienen, hauptsächlich jedoch nicht für Eisenbahnwagen. Die in Warnemünde ankommenden Reisenden mussten aussteigen, mit der Fähre übersetzen und in Gedser den Schnellzug nach Kopenhagen nehmen. Die dänischen Fährschiffe trajektierten nur einzelne Kurswagen Prag – Kopenhagen (seit 1949) und Wagen eines Nachtschnellzuges von und nach Berlin, des späteren »Ostsee-Expreß« (seit 1957).
Der Reichsbahn blieben die Bemühungen der Bundesbahn nicht verborgen, die Fährlinie Großenbrode Kai – Gedser zu Gunsten eines schnelleren und leistungsfähigeren Trajekts Puttgarden – Rødbyhavn (Vogelfluglinie) aufzugeben (siehe S. 32-35). Durch den Transitverkehr über diese Linie entgingen der DR Deviseneinnahmen. Außenpolitisch war die DDR interessiert, in Skandinavien Flagge zu zeigen, mit den Staaten Verträge zu schließen und derart die »Hallstein-Doktrin« (die völkerrechtliche Nichtanerkennung) zu durchbrechen.
Unter diesen Umständen erhielt die DR vom Ministerrat die Erlaubnis, ein Fährschiff zu bestellen. Gebaut wurde es auf der »Neptun-Werft« in Rostock und am 15. Mai 1963 als »Warnemünde« in Dienst gestellt; die Jungfernfahrt von Warnemünde nach Gedser fand am 25. Mai statt. Das dänische und das DDR-Verkehrsministerium hatten bereits am 6. Dezember 1961 (vier Monate nach dem Mauerbau!) vereinbart, mit der »Warnemünde« den Fährverkehr zu gleichen Teilen durchzuführen. In Warnemünde wurden das Fährbett erweitert, eine Stahlkonstruktion errichtet sowie für den Pkw- und Lkw-Verkehr Parkflächen angelegt. Da die Lkw in Warnemünde und in Gedser rückwärts auf das Fährschiff ­fahren mussten, war dieses Trajekt berüchtigt.
Am 31. Mai 1964 fuhr dann auch zum ersten Mal der »Neptun« über die Ostsee nach Kopenhagen und hier bis zum Freihafen, um den Anschluss zur Fähre nach Malmö herzustellen. Das deutsche Triebwagenpersonal, das in ­Kopenhagen Nachtruhe hatte, wurde im dänischen Netz von einem Lotsen begleitet. Die DR setzte nun den Dieseltriebwagen der Baureihe VT 18 (Bauart »Görlitz«) ein, dessen elegantes Aussehen hohe Geschwindigkeit vortäuschte, aber durchaus repräsentativ wirkte und verkehrswerbend war. Da die Zahl der Reisenden gering blieb, wurden aber meist die kürzeren Vorkriegs-Triebwagenzüge SVT 137 der Bauarten »Köln« bzw. »Leipzig« verwendet.
Die als Ex 21/22 geführten Züge fuhren die 283 Kilometer Berlin Ostbahnhof – Rostock in vier Stunden, für Reichsbahn-Verhältnisse beachtlich. Dabei konnte man die bis 1961 wieder aufgebaute, teils neu trassierte Strecke ­Lalendorf – Neustrelitz nutzen; zuvor hatten die Züge den Umweg über Neubrandenburg nehmen müssen. Der »Neptun« war platzkartenpflichtig und fuhr ohne Verkehrshalt zwischen Berlin und Rostock Hbf.

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