Krisenstimmung - Die allgemeine Lage der Bundesbahn 1975

In der Geschichte der Bundesbahn ist das Jahr 1975 ein problematisches Jahr. Anhaltende Defizite, ­politischer Druck und ein „Sparfahrplan“ schränkten den Betrieb ein. Auf der anderen Seite stehen einige Erfolge bei der Modernisierung, die Spätzeit der Dampflok und manche romantische Strecke

Auch Lauda gehört 1975 zum elektrifizierten Netz. In der neuen, 1974 eingeführten Lackierung Ozeanblau-Beige steht Einheits-Ellok 110 242 mit Altbau-Ellok 118 055 im Schlepp und E 2656 im August 1975 im Bahnhof. Der Zug hat den Laufweg Würzburg –... © J. A. Bock

Das Jahr 1975 war für die Bundesrepublik Deutschland noch erheblich durch die Folgen der 1973 eingetretenen Energiekrise geprägt; die spürbare Verteuerung des Erdöls belastete die wirtschaftliche Entwicklung. Und noch ein weiterer Faktor machte sich bemerkbar: Willy Brandt war im Mai 1974 als Bundeskanzler zurückgetreten. Sein Nachfolger wurde Helmut Schmidt, was für die Bundespolitik wie auch für die Bundesbahn Konsequenzen haben sollte.

Gegenwind für die Bundesbahn

Von der Regierungsumbildung 1974 war nicht zuletzt das Verkehrsressort betroffen. Während der vorherige Verkehrsminister Lauritz Lauritzen (1910 – 1980) dem öffentlichen Verkehrswesen positiv gegenübergestanden hatte, konnte man das von seinem Nachfolger Kurt Gscheidle (1924 – 2003) wohl nicht behaupten. Gscheidle kam von der Ausbildung her aus dem technischen Postdienst und wurde 1953 hauptberuflicher Funktionär bei der Deutschen Postgewerkschaft (DPG).

Zum Eisenbahn- oder öffentlichen Verkehrswesen besaß er persönlich keine Beziehung und strebte eine baldige Privatisierung der damaligen Bundesbahn – mit Ausnahme des Schienennetzes – an. Priorität hatte für ihn, ebenso wie für seinen Chef Helmut Schmidt, die bloße Ökonomie.

In der Regierungserklärung Schmidts vom 17. Mai 1974 hatte es daher unter anderem geheißen: „In einer Zeit weltweit wachsender Probleme konzentrieren wir uns in Realismus und Nüchternheit auf das Wesentliche, auf das, was jetzt notwendig ist.“ Damit nahm er Abstand von der Politik Willy Brandts, die von visionärem Idealismus und weitgreifenden Gestaltungsabsichten geprägt war.

Als innenpolitische Schwerpunkte seiner Arbeit nannte Schmidt die Fortsetzung der bisherigen Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Wiedererlangung der Geldwertstabilität.  Volkswirtschaftlich ergaben sich für das Jahr 1975 folgende Kennzahlen: Die Inflationsrate betrug 5,9 Prozent, die Zahl der Arbeitslosen 1,074 Millionen (entspricht 4,6 Prozent); das Bruttosozialprodukt sank im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent. 

Einige Zahlen für die DB des Jahres 1975: Es waren durchschnittlich 410.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Die Beförderungsleistungen beliefen sich auf 1,6 Milliarden Reisende (einschließlich Bahnbus) und über 310 Millionen Tonnen Güter. Dazu dienten unter anderem 9.820 Triebfahrzeuge, 19.200 Reisezug- und 290.000 Güterwagen.
 

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