Mauerfall: Die erste Fahrt in den Westen

Sonnabend, der 18. November 1989: Erstmals fährt Siegfried Bergelt mit seiner Familie von Karl-Marx-Stadt nach Hof. Die Reise wird beschwerlich, abenteuerlich, unvergesslich.
Gar nicht mehr abzureißen scheint der Menschenstrom, der sich aus dem voll besetzten Zug auf den Bahnsteig in Hof ergießt. Etliche Reisende aus der DDR stehen sogar noch an den Wagenfenstern. © Markus Lohneisen
Uns gelernten DDR-Bürgern wurde unentwegt beigebracht, wie schlecht der BRD-Kapitalismus sei, mit seiner Ausbeutergesellschaft, den unsicheren Arbeitsplätzen und  Klassengegensätzen. Andererseits rissen sich alle um die »West-Waren«. Wirklich alles vor Ort anzusehen, war aber nur einer Anzahl beschränkter... Verzeihung, einer beschränkten Anzahl Personen vorbehalten: den linientreuen, von der Staatssicherheit überprüften »Reisekadern«, zu denen unsereins nicht gehörte. Dann kam der 9. November 1989. Die Mauer wurde geöffnet, plötzlich konnte jeder durch ganz Deutschland reisen. Das Ventil war geplatzt, der Menschenstrom aus dem Osten ergoss sich in den Westen. Die Übergabe von 100 DM Begrüßungsgeld an jeden tat ihr Übriges.

»Mitschwimmen zur Begrüßungsgeldstelle«

Auch wir wollten uns das nicht entgehen lassen. Am Sonnabend, dem 18. November 1989, fuhr ich mit meiner Familie nach Hof. Am frühen Morgen begaben wir uns zum Karl-Marx-Städter Hauptbahnhof. Wir, das waren ich, meine Frau Renate sowie die Kinder Susanne (11), Juliane (7) und Markus (2). Ich glaube, wir lösten eine Sonntagsrückfahrkarte (mit einem Drittel Ermäßigung auf die acht Pfennige pro Kilometer) und nahmen am Bahnsteig 10 einen Zug Richtung Nürnberg. Dieser war wohl zusätzlich eingesetzt. In einem »Mo­der­nisierungs­wagen« sicherten wir uns ein Abteil. Zugpferd war eine 132er-Diesellok (»Ludmilla«). Die Wagen habe ich nicht gezählt, jedenfalls passten sie in Plauen nicht alle an den Bahnsteig und inzwischen war der Zug zu ca. 160 Prozent besetzt. Deshalb fuhr er auch nicht schnell.

In Hof angekommen, wälzten sich die Massen durch die Bahnsteigunterführung in die Stadt. Man brauchte nur im Strom »mitzuschwimmen«, um zur Begrüßungsgeldstelle zu gelangen. Viele hatten ihre Omas oder Opas dabei, Personen, denen anzusehen war, dass sie sich unter normalen Umständen nie dieser Strapaze ausgeliefert hätten. Zum Glück waren wir dem nasskalten No­vemberwetter entsprechend angezogen. Wir deckten uns mit Südfrüchten ein, jedes Kind bekam etwas Kleines von Lego und für unser Auto kauften wir ein Blaupunkt-Radio.

Am Nachmittag begaben wir uns zum Hofer Hauptbahnhof. Es war schon nicht leicht, durch die Massen zum Bahnhof zu kommen. Aber in den Zug erst! Die Türen waren von ­Personen mit ausgebreiteten Armen besetzt, die zunächst ihre Angehörigen in den Wagen ließen. Danach durften andere nachrücken. Wie durch ein Wunder kam meine Frau mit dem kleinen Markus in einem Abteil unter. Ich konnte mich mit den Mädchen nur noch in eine Zugtoilette retten, um nicht zerdrückt zu werden. Beim Einsteigen war die Handtasche ­zwischen Menschen eingeklemmt; beim Anheben hatte ich die Henkel allein in der Hand. Glücklicherweise fanden wir uns alle im Bahnhof Karl-Marx-Stadt unversehrt wieder zusammen.

Solch ein Erlebnis bleibt im Gedächtnis haften, ebenso wie die großartige Leistung der Eisenbahner von Reichs- und Bundesbahn. Alle irgendwie verfügbaren Personenwagen waren im Einsatz. Ob die Bahn von heute so etwas auch bewältigen könnte?

Ein Artikel aus Bahn Extra 03/09

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