Mit Dispoloks und Aussichtswagen

Dass neue Triebwagen nicht so funktionieren, wie sie sollten, ist kein neues Phänomen. Doch nach dem Fahrplanwechsel im Dezember 2009 brauchte es weit mehr Ersatzverkehr als in den Jahren zuvor. ­
Wunsch und Wirklichkeit: Eigentlich sollten 440-Triebzüge die Strecke Würzburg – Lohr bedienen (Abb. u.). Doch mangels Zulassung wurden sie Ende 2009 und in der ersten Hälfte 2010 durch Wendezüge mit MRCE-Dispoloks ersetzt; am 18. April ist eine... © Dirk Höllerhage

Mit neuen Zügen in eine neue Zeit: So euphorisch hatte DB Regio Unterfranken den Start der Baureihe 440 (Coradia Continental) auf der Mainfrankenbahn, dem Netz rund um Würzburg, angekündigt. Und irgendwie hielt der Bahnkonzern ja auch Wort. Standen doch seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2009 tatsächlich neue Züge am Bahnsteig, das heißt: unerwartete. Weil die 440er-Triebzüge vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) keine Zulassung erhalten hatten, wurden sie durch lokbespannte Wendezüge Würzburg – Frankfurt am Main vertreten. Wie bisher bestanden diese aus verkehrsrot lackierten Redesign-Silberlingen (n-Wagen), aber als Zuglok fungierten nun schwarze Elloks der Baureihe 185, gestellt vom privaten Lokpool MRCE. Die neue Zeit feierte ihren Einstand als Zeit des Ersatzverkehrs.

Das Beispiel steht nicht allein. Auch auf anderen Strecken und mit anderen Fahrzeugen hatten die DB und einige Privatbahnen im Fahrplanjahr 2009/2010 massive Schwierigkeiten, weil die Zulassung für die neuen Triebzüge nicht rechtzeitig vorlag. Improvisationen wie aufwendiger Ersatz waren die Folge. Immerhin: Die Eisenbahnfreunde und gelegentlich sogar die Reisenden kamen auf ihre Kosten. Die übergangsweise eingesetzten Züge brachten manche gern gesehene Überraschung.

Grund für die verweigerte Zulassung bei den 440ern waren Probleme mit der Software (unter anderem beim Flügeln und Zusammenkuppeln einzelner Einheiten) sowie mit den Bremsen. Für DB Regio Unterfranken ein herber Rückschlag, hatte man doch eine Umstellung in größerem Stil im Sinn. Die Coradia-Triebzüge sollen einmal von Würzburg aus Lohr am Main, Treuchtlingen, Nürnberg und Bamberg bedienen – wobei sie sich zumindest auf der Frankfurter Strecke mit anderen Garnituren abwechseln. Im Dezember 2009 stand aber keines der in Fankreisen »Mopsgesicht« betitelten Neufahrzeuge zur Verfügung, so dass der Ersatzverkehr auch auf den anderen Strecken Einzug hielt.

Ersatz meinte in den meisten Fällen »weiter wie bisher«, mit Elloks der Baureihen 111 oder 143 und n-Wagen. Für die zwischen Würzburg und Frankfurt eingelegten Ersatzzüge fehlten indes Lokomotiven, weshalb die DB kurzerhand bei MRCE Maschinen anmietete. So wurde dieser Teil des fränkischen Ersatzverkehrs zur größten Attraktion: Selbst aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet reisten Eisenbahnfreunde an, um die schwarz-roten Sonderlinge im Bild festzuhalten.

Im Frühjahr 2010 gelang es Hersteller Alstom, die Genehmigung für erste 440-Garnituren des E-Netzes Würzburg zu bekommen. Zum kleinen Fahrplanwechsel am 13. Juni 2010 lösten die Coradia die lokbespannten Nahverkehrszüge Würzburg – Nürnberg ab. Damit gewann die DB Triebfahrzeuge für die Strecke Würzburg – Frankfurt; die MRCE-Dispoloks wurden zurückgegeben, 111er übernahmen die Redesign-Silberlinge. Wann sie den »Mopsgesichtern« Platz machen und die weiteren Äste der Mainfrankenbahn mit den neuen Zügen bedient werden, ließ sich bei Redaktionsschluss nicht sagen.

Auch zwischen München und Passau war die Inbetriebnahme der Baureihe 440 Ende 2009 an deren Zulassung gescheitert. Ab dem Frühjahr aber standen dann erste Fahrzeuge zur Verfügung; sukzessive schleuste DB Regio diese in die Umlaufpläne ein und löste damit die 111-bespannten Wendezüge ab.

Problemfall Talent 2

Noch größeres Ungemach als die »Mopsgesichter« bereiteten der DB die »Hamsterbacken«, die Triebzüge der Baureihe 442 (Talent 2). Als erste Einsatzgebiete waren die Moselstrecke Koblenz – Perl sowie die Verbindungen von Cottbus nach Leipzig und Falkenberg (Elster) vorgesehen. Aber schon im Vorfeld des Fahrplanwechsels 2009 zeichneten sich Verzögerungen ab. Und auch im November 2010 stand keines der neuen Fahrzeuge im Plandienst; die Deutsche Bahn rechnete auf beiden Strecken mit einer um mehr als ein Jahr verspäteten Inbetriebnahme.
Die Aussichten für die nähere Zukunft sind nicht berauschend: Bei der S-Bahn Nürnberg sowie beim Rhein-Sieg-Express (Aachen – Düren/Köln/Sieg­burg/Sie­gen) sollten die Talent 2 zwar erst ab Dezember 2010 eingesetzt werden, allerdings wurde bereits deutlich, dass sich die Inbetriebnahme wieder um mehrere Monate verzögern wird.

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