Reichsbahn und NS-Propaganda

Gleich nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ­vereinnahmten die National­sozialisten Straßen und Städte mit Parolen und Flaggen. Die Eisenbahn wurde ebenfalls Teil der Propagandamaschinerie. Von Andreas Knipping/GM
Der Bahnhof als politisches Symbol: Für besondere ­Anlässe wie Besuche hoher NS-Funktionäre oder ­nationalsozialistische Feiertage wurden die Anlagen der Reichsbahn propagandistisch hergerichtet © Slg. Dr. Brian Rampp
Sowohl in der »Kampfzeit« bis 1933 als auch in den zwölf Jahren der Machtausübung war für die nationalsozialistische »Bewegung« die Propaganda unverzichtbar. Mit ihr wurde ein eigenes Ministerium betraut, geleitet von Joseph Goebbels, der stets zum innersten Machtzirkel und den Vertrauten Hitlers gehörte. Propaganda hieß, das Argument durch die Parole zu ersetzen, den Dialog durch die Beschwörung und die geistige Vielfalt durch die Verengung auf wenige Thesen. Damit überdeckte man auch die Tatsache, dass das dahinter stehende geistige Rüstzeug äußerst dürftig war.

Dass der Nationalsozialismus völkische Gesundung durch die Belebung einer mystisch verklärten Vergangenheit irgendwo zwischen alten Germanen, Kaiser Barbarossa und Bismarck versprach, stand nicht im Widerspruch zur Modernität der Methoden. Die Profis der Massensuggestion studierten aufmerksam die amerikanische Kino- und Radiowerbung und die sowjetische Plakatgrafik. Vorbilder: USA und ­Sowjetunion
Davon beeinflusst, stellten die NS-Oberen ihre propagandistischen Leitsätze zusammen. Ein wesentliches Element war die vielfältige Dynamik, die das Publikum mitreißen sollte. Das mobile Medium war gefragter als die statische Plakatsäule, der Lautsprecherwagen war wichtiger als der Vortrag im Hinterzimmer, das aus der Luft abgeworfene Flugblatt und das bewegte Bild im (Ton-)Film weckten mehr Neugier als der Artikel in der Zeitung. Dazu kamen Aufmärsche in den Straßen und Fahrten zu Parteiveranstaltungen ­(allen voran zum Reichs­par­teitag), mit denen die Nationalsozialisten, ihr Gedankengut und ihre Schlagworte fast permanent in der Öffentlichkeit präsent waren.  

Auch die Eisenbahn bekam in der propagandistischen Bearbeitung des Volkes ihren Platz. Sowjetischem Vorbild folgte der Gebrauch von Lokomotiven zur landesweiten Verbreitung von Botschaften. Als Schriftfelder waren außer den großflächigen Seitenwänden der Tender auch die modernen Windleitbleche geeignet. In diesem Sinne wurden Lokomotiven vor jeder der vier reichsweiten Volksabstimmungen zwischen 1933 und 1938 eingesetzt. Deren Chronologie sieht wie folgt aus:

• 12. November 1933: »Wahl« (per Bestätigung einer Einheitsliste) des Reichs­tages und »Beifall« zum Austritt aus dem Völkerbund,
• 19. August 1934:  Zustimmung zur Vereinigung der Funktionen des Reichspräsidenten mit denen des Reichskanzlers in der Person von Adolf Hitler,
• 29. März 1936:  neuerliche fiktive Reichs­tags»wahl«,
• 10. April 1938:  Zustimmung zum Anschluss Österreichs

Die Ergebnisse dieser Plebiszite, bei denen man offen abzustimmen hatte und bei denen auf dem Stimmzettel das theoretisch mögliche »Nein« nur sehr klein vorgedruckt war, standen von vornherein fest. Sie wurden bei Bedarf durch schlichte Fälschung in den gewünschten Bereich nahe 100 Prozent gebracht. Die Abstimmungen hatten eine unverzichtbare Funktion für das Regime, symbolisierten sie doch den Treuebund zwischen dem »Volksgenossen« und dem »Führer« höchstselbst. Der Nationalsozialismus insgesamt wollte nicht die Überlegenheit einer Theorie vermitteln, sondern das Prinzip von Führung und Gefolgschaft – entsprechend findet sich auf Windleit­blechen und Tendern auch nur selten die Werbung für bestimmte politische Ziele, sondern eher der Appell, Adolf Hitler Zustimmung und Dank zu bekunden.

Die Vielfalt und gelegentliche Unbeholfenheit der Formulierungen lassen vermuten, dass Partei und Staatsbehörden auf die Vorgabe standardisierter Parolen verzichteten, sondern es beispielsweise den NSDAP-Betriebszellen in den Bahndienststellen oder den politisch zuverlässigen Amtsvorstehern überließen, das ­jeweilige »Ein Wille – Ja«! oder »Dem Führer Dein Dank« zu formulieren und grafisch umzusetzen. 

Nicht von der modernen Reklame, sondern aus 2.000 Jahren Religionsgeschichte übernahmen die Nationalsozialisten – wie alle totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts – das Prinzip des »Kirchenjahres« mit festgelegten Feiertagen. Alte Kampfgenossen feierten den Parteigedenktag 24. Februar, der 9. November wurde zum Erinnerungstag an den Hitlerputsch 1923. Am volkstümlichsten angelegt war der 1. Mai, bei dem ein heidnisches Fest mit Frühlingsgrün und ­(alkoholisierter) Stimmung die Erinnerungen an die Kampftradition der Arbeiterbewegung auslöschen sollte. Typischer Maienschmuck der Lokomotiven wurden grüne Gebinde rund um die Rauchkammertür und an den Griffstangen des Kessels, Wimpel auf dem Pufferträger und schwarz-weiß-rote Girlanden. 

Beteiligung der ­Reichsbahn

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