Reise in die neue Welt

Mit der Eisenbahn erhielten Hamburg, Bremerhaven und später Cuxhaven großen Zulauf: Viele Auswanderer fuhren per Zug zu den Seehäfen – und von dort per Schiff nach Übersee. Text: Jens Perbandt/GM
Mächtig Betrieb und mittendrin eine preußische P 8 in Diensten der Deutschen Reichsbahn: So sieht 1923 die Einschiffung des Dampfers »Columbus« in Bremerhaven aus. Mit dem Zug sind auch viele Auswanderer hierher gefahren, um nun mit Ziel Übersee an... © Stadtarchiv Bremerhaven
Wer heute vom Columbuskai, dem modernen Kreuzfahrtterminal von Bremerhaven, abfährt, beginnt in der Regel seine Urlaubswochen. Früher war dieser Hafen für viele Reisende Ausgangspunkt eines neuen Lebens – verbunden mit Ungewissheit und der bangen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Generationen von Auswanderern traten  hier im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert per Ozeanschiff die Überfahrt in eine neue Welt an. Gegenüber Hunger und Arbeitslosigkeit in Deutschland versprachen die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Südamerika oder Australien Lohn, Brot und ausreichend Land. Mit ca. 7,2 Millionen Menschen, die hier den Kontinent verließen, avancierte Bremerhaven zum größten deutschen Auswandererhafen, noch vor Hamburg (ca. 5 Millionen).

Im 19. Jahrhundert lief die Auswanderungswelle anfangs mit dem Schiff auf dem Rhein und über Antwerpen bzw. Rotterdam. Mit dem Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes wurden die deutschen Häfen Bremerhaven und Hamburg immer mehr Ziel der Auswanderer, waren sie doch nun zu bezahlbaren Preisen zu erreichen. Die deutschen Häfen erwarben sich rasch einen guten Ruf bei den Auswanderern, auch, weil auf den Schiffen Mindeststandards herrschten. Damit war die Überfahrt erheblich ungefährlicher als etwa auf britischen Schiffen. Die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Dampfschiffe waren auch vom Wind unabhängig und verkehrten erstmalig nach festen Fahrplänen. Vorher waren die Auswanderer auf eigene Faust in die Hafenstädte gereist, wo sie oft wochenlang ausharrten und nicht selten in überteuerten Unterkünften die Ersparnisse für den neuen Start aufbrauchten.

Bremerhaven und die »Amerikalinie«

Um 1850 war Bremerhaven bereits größter Auswandererhafen Deutschlands, 90 Prozent der Auswanderer verließen hier die alte Welt. Er galt als sicherer Hafen, da der Senat bereits 1832 Schutzgesetze erlassen hatte. Hier hatte auch die Reederei »Norddeutscher Lloyd« ihren Ausgangspunkt, die in Konkurrenz etwa zur »Hamburg-Amerikanischen-Paket-Actien-Gesellschaft« (Hapag) das wachsende Geschäft mit den Auswanderern betrieb. Wer auswandern wollte, musste sich vorab in Bremen untersuchen und registrieren lassen. 
Bremerhaven verfügte bereits ab 1867 mit der Lloydhalle am Neuen Hafen über einen Bahnhof am Meer, von dem aus die Reisenden direkt vom Zug auf das Schiff gelangen konnten. Aber trotz der wirtschaftlichen Bedeutung des Auswandererverkehrs waren die zahlreichen Fremden, die zunehmend auch aus Osteuropa kamen, eine Belastung für die Städte. Um eine Verbreitung von Seuchen zu vermeiden, versuchte das Deutsche Reich gemeinsam mit den Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd, die Reisenden über festgelegte Transitwege zu befördern. Neben den Kontrollstellen an den Grenzen entstand 1891 in Berlin-Ruhleben ein Auswandererbahnhof, wo man die Emigranten registrierte, untersuchte und ihr Gepäck desinfizierte. Trotzdem verursachten unzureichende Unterkünfte und mangelnde hygienische Zustände 1892 in Hamburg eine schwere Choleraepidemie, bei der 8.600 Menschen starben. Daraufhin erließ der Hamburger Senat rigide Restriktionen gegenüber osteuropäischen Auswanderern. Bremen wurde wieder Mittelpunkt des deutschen Auswanderergeschäftes und zahlreiche Sonderzüge fuhren von Berlin in die Hafenstadt. Sie benutzten die Bahnverbindung Berlin – Stendal – Salzwedel – Uelzen – Soltau – Bremen – Bremerhaven, die deshalb bald die Bezeichnung »Ame­rikalinie« erhielt.
Die alten Bremerhavener Bahnhofsanlagen reichten schon bald nicht mehr aus und der Lloyd errichtete 1896/97 einen neuen Bahnhof direkt an der Kaispitze zur Weser. Hier fertigte die Reederei die Passagiere aller Klassen ab; drei Stunden vor den Schiffsabfahrten wurden normalerweise drei Sonderzüge aus Bremen gefahren. Zuerst der Zug 3. Klasse, das waren in der Regel die Auswanderer, dann der Sonderzug für die 2. Klasse und zuletzt jener mit den Passagieren der 1. Klasse. Diese benutzten die komfortablen Waggons des Norddeutschen Lloyds. Zusätzlich gab es Kurswagen bzw. Schlafwagenzüge aus Berlin. Aber auch die neue Halle konnte die steigenden Passagierzahlen auf Dauer nicht bewältigen und musste erweitert werden. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erhielt der Bahnhof noch drei 200 Meter lange Bahnsteiggleise; 1912 verkehrten allein zwischen Bremen und Bremerhaven 565 Sonderzüge.

Hamburg und Cuxhaven

Die Hamburger Reeder  wollten ebenfalls an dem Auswanderergeschäft verdienen und um 1900 ließ der Direktor der Hapag, Albert Ballin, in Hamburg auf der Veddel eine moderne Auswandererstadt für

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