Rückzug aus der Fläche

Unter den Eisenbahnfreunden wurde »Nebenbahnsterben« in den 70er- und 80er-Jahren ein geflügeltes Wort. Fast mit jedem Fahrplanwechsel traf es neue Verbindungen: unwirtschaftliche oder marode Strecken, aber auch solche, die durchaus Verkehrspotenzial hatten.
Von Ulrich Rockelmann
Sehr romantisch verlief die Sulztalbahn von Neumarkt (Oberpfalz) nach Beilngries (Bild in Berching, Mai 1981). Sie war jedoch dem Bau des neuen Main-Donau-Kanals im Weg – zum Ende des Sommerfahrplans 1987 stellte die DB den Personenverkehr ein. © Selbermachen Media
Der Trend war nicht neu. Schon in den 60er-Jahren nahm die Bundesbahn in ihrem Schienennetz die ersten Stilllegungen in größerem Ausmaß vor. Die vorherrschende Meinung war damals, vor allem viele Nebenstrecken durch günstigere Busdienste ersetzen zu können. Allerdings zeigte sich in den meisten Fällen, dass auch Autobusverbindungen den Wechsel zum Individualverkehr letztlich nicht stoppten – und so gab es in den frühen 80er-Jahren bereits Regionen, in denen an Wochenenden auch kein Linienbus mehr fuhr. Sicherlich gab es Fälle, die keinen Reisezugverkehr mehr rechtfertigten, etwa wegen strukturell zu geringem Fahrgastaufkommen (Beispiel: Strecke Pronsfeld – Waxweiler in der Eifel) oder umständlicher Anbindung an das Zentrum (etwa die unterfränkische Strecke Rottershausen – Stadtlauringen an die Stadt Schweinfurt).

Meist spielten aber mehrere Ursachen zusammen, die zur Stilllegung führten – und die zum Teil von der DB verstärkt wurden. Bei ihr galt die Maxime, betriebswirtschaftliche Kosten rasch zu senken, ohne volkswirtschaftliche Aspekte mit einzubeziehen. Wie unterschiedlich die Bedingungen sein konnten, zeigen stellvertretend vier DB-Strecken.

Enttäuschte Erwartungen: Lüneburg – Buchholz
Die Verbindung entstand als Hauptstrecke der Relation Wittenberge – Dannenberg – Lüneburg – Buchholz. Letztlich erfüllten sich die Erwartungen an einen Fern-Güterverkehr jedoch nicht. Anfang der 50er-Jahre bemühte sich die Bundesbahn um eine Aufwertung (Einsatz von Schienenbussen, Eröffnung von vier neuen Haltepunkten), doch 20 Jahre später geriet die Strecke auf die Liste der „Stilllegungskandidaten“.

1971 bestand auf der Bahnlinie immerhin noch täglicher Verkehr, wobei außer den bis zu sechs durchgehenden Zugpaaren pro Tag noch werktägliche Verdichter auf Teilstrecken ab Lüneburg bzw. Buchholz verzeichnet waren. Besonders die Kurzläufer zwischen Lüneburg und Mechtersen bzw. Vögelsen boten rasche, direkte Verbindungen mit Fahrzeiten, die der Bus nie erreichen konnte. Während das Potenzial für den Schienenpersonennahverkehr im Mittelabschnitt Mechtersen – Jesteburg in der Tat zu niedrig war, hätte man den Zugverkehr im Lüneburger und Buchholzer Einzugsbereich bei gutem Willen beibehalten können.

Stattdessen strich aber die DB mit Beginn des Sommerfahrplans 1974 ausgerechnet die Lüneburger Kurzläufer. Es folgten Ausdünnungen an Wochenenden, wenngleich bis zur Einstellung des Reiseverkehrs am 27. September 1981 auch sonnabends und sonntags weiterhin – in geringem Umfang – Triebwagen verkehrten.

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