Das Jahr der "Mobilmachung"

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KALENDER FÜR DEN AUFMARSCH

Im Hinblick auf die Kapazität der Reichsbahn und die Geheimhaltung wurde ab Frühjahr eine Zweiteilung des Vorhabens konzipiert. Ab Ende des Monats Juni 1939 wurde unterschieden in

a) Schanzbewegungen der ersten und zweiten Rate sowie die Verlegung von vier Infanteriedivisionen zwischen 26. Juni und 15. Juli und fünf weiteren zwischen 15. Juli und 4. August im Bahn- und Landtransport an die Ostgrenze; dieses Bündel von Maßnahmen konnte einem Beobachter noch als „die vom Führer befohlenen Maßnahmen zur Sicherung der Ostgrenze“ erklärt werden,
b) Schanzbewegungen der dritten Rate 3. bis 14. August und Übungen zur Verdeckung des beginnenden Aufmarschs in Form von üblichen Manövern, bei denen dann der offiziell noch angekündigte Rücktransport entfallen sollte. Zur Terminierung un auffälliger Truppentransporte nach Ostpreußen bot es sich an, eine riesige Parade anlässlich des 25. Jahrestages der Schlacht bei Tannenberg 1914 anzukündigen. Zugleich wurden 30.000 Angehörige des Reichsarbeitsdienstes über die Ostsee nach Ostpreußen gebracht, die statt der ab Ende Juni einberufenen Reservis ten in der Landwirtschaft aushelfen sollten.
c) Manöver und Großereignisse im gesamten Reichsgebiet wie insbesondere der alljährliche Reichsparteitag sollten wie üblich transporttechnisch vorbereitet werden, um dann wie vorgeplant „plötzlich“ auszufallen. Mit dem Übergang von der dritten Stufe der Schanzbewegungen zum endgültigen Truppenaufmarsch wurde die Tarnung schwieriger. Auch wenn Soldaten in der Nähe der polnischen Grenze zeitweise für friedliche Erntearbeiten freigegeben wurden, war ihre Massierung im Osten nun doch unübersehbar geworden. Im nächsten Schritt musste die Reichsbahn etwa 220 Züge für die „A-Bewegung“ bereitstellen. Die reichsweite Information der regionalen Transportkommandanturen geschah bei einer Zusammenkunft von 21. bis 24. Juni im thüringischen Oberhof. Mit erstaunlicher Offenheit erstellte man von Mitte Juli bis 19. August 1939 im Gebiet der Stadt Danzig über die untere Weichsel einen im Vergleich zur vorhandenen Fähre leistungsfähigeren Übergang in Gestalt einer von deutschen Pionieren gebauten 36-Tonnen-Pontonbrücke.

ABSAGE DER GROßEREIGNISSE

Am 12. August wurde der Reichsbahn mitgeteilt, dass die beiden größten für das östliche Reichsgebiet angekündigten Manöver entfallen würden. Der gleichzeitige Hinweis, dass die dafür vorgesehenen Transporte trotzdem stattfinden würden, vermittelte den zuständigen Dienststellen in geschickter Form die Zielrichtung der Maßnahmen.

Am 15. August um 14:30 Uhr wurde der Chef der 5. Abteilung des Generalstabes des Heeres davon in Kenntnis gesetzt, dass auch der „Reichsparteitag des Friedens“ (!) durch Hitler abgesagt war. Bis zum Mittag des 17. August wurden die Bahndienststellen über die neue, nunmehr militärische Verwendung des bereits zusammengezogenen Leermaterials informiert und zur Umbildung der Parteitagszüge in Militärzüge aufgefordert.

Ebenfalls am 15. August wurde der 19. August zum ersten „A-Tag“ bestimmt. Die Fahrpläne der „A-Bewegung“ waren bereits zu Friedenszeiten aufgestellt worden und konnten problemlos in Kraft gesetzt werden. Damit überlappen sollte sich die „Y-Bewegung“, deren Tage rückwärts nummeriert waren. Sie sollte sich vom „Y - 6.“ (zu lesen als „Y minus 6“) Tag bis zum Tag des ersten Grenz über tritts „Y“ entwickeln.

Dies sollte nach Hitlers Befehl vom 23. August („Y - 3“) der 26. August 1939 sein. Am 24. August wurden wesentliche für den „Y - 2“-Tag vorgesehene Befehle erteilt, und zwar

a) der Befehl des Transportchefs an das Reichsverkehrsministerium zum Ablauf der Y-Bewegung,
b) der Befehl zur Bereitstellung des Leermaterials für den „Fall Weiß“, nämlich 1.700 Züge im Höchstleistungsfahrplan (diese Zahl entstand aus der Addition eines reduzierten Friedensfahrplans mit dem Militärfahrplan – im Gegensatz zu 1914, als der Militärfahrplan tagelang den gesamten zivilen Verkehr verdrängt hatte),
c) der Y-Befehl an die motorisierten Teile zum Vorziehen aus dem „Bereitstellungsgebiet 1“ bzw. den Standorten in das „Bereitstellungsgebiet 2“,
d) der Y-Befehl an fünf Infanteriedivisionen für Mobilmachung und

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