Das Loch im Bahnsteig

Der S-Bahn-Halt Wollankstraße lag zwar auf Ost-Berliner Gebiet, es gab aber nur einen Zugang von ­West-Berliner Seite. Im Februar 1962 machte die Station Schlagzeilen: Der Tunnelbau im S-Bahnhof.

Von Erich Preuß

 
Der Bahnhof Wollankstraße im Jahr 1989: Gleich neben dem Auto weist ein Schild auf das Ende des französischen Sektors und den Beginn Ost-Berliner Gebiets hin. Unter diesem Viadukt hindurch sollte ein Tunnel im Jahr 1962 Leute aus Ost-Berlin in die... © Bundesarchiv
Am 1. Februar 1962, einem kalten Wintertag, wurden der Schicht- und die Wachenleiter der Bahnpolizei zum S-Bahnhof Wollankstraße (der eigentlich nur ein Haltepunkt war) gerufen. Dort trafen sie auf eine Ansammlung von Eisenbahnern der Reichsbahndirektion Berlin und dessen Präsidenten, Otto Arndt.

Das Ereignis war ein Loch im Bahnsteig; es befand sich zwischen dem Raum der Aufsicht und dem vom Weltkrieg verbliebenen Einmann-Schutzbunker. Die Bahnsteigdecke war um einen Meter abgesackt, das aber war weder ein Natur­ereignis noch die Folge unterlassener Instandhaltung, sondern eines begonnenen Tunnels unter dem Bahnsteig.

Durch den Fluchttunnel sollten Menschen, die auf legalem Wege Ost-Berlin bzw. die DDR nicht verlassen konnten, nach West-Berlin geholt werden.

Die Fluchthelfer hatten dabei die besondere Lage des S-Bahnhofs nutzen wollen. Die Flur des Ost-Berliner Stadtbezirkes Pankow reichte bis an den Rand des Bürgersteigs auf der westlichen Seite. Die von S-Bahn und Güterzügen befahrenen Gleise lagen deshalb zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Schönholz ein Stück auf Ost-Berliner Gebiet. Der Bahnhof konnte aber von der Ostseite her nicht betreten werden. Schilder am Gebäude wiesen die West-Berliner, die zum S-Bahnsteig gingen, darauf hin, dass sie nun den französischen Sektor verließen und nach Ost-Berlin kamen. Kontrolliert wurde auf dem Bahnhof indes nicht, wenn ihn auch DDR-Grenzsoldaten betraten.
Unter dem S-Bahn-Viadukt
Verschiedene Organisationen versuchten nach dem Mauerbau, von West-Berlin aus Tunnel unter der Grenze zu graben, um Fluchthilfe zu organisieren – teils aus ideellen, meist jedoch aus kommerziellen Motiven. Ein solcher Fluchttunnel sollte auch von einem gemieteten Raum im Viadukt entstehen.

Klaus Sämrow schilderte in dem Buch »Bahnpolizisten« [Selbstverlag 2000] diesen Vorgang: »Die Räume im Viadukt endeten in einer bestimmten Tiefe an einer tragenden Mauer unter dem Bahngelände. Diese Mauer war durchstoßen worden [...]. Kleinlaster waren in diesen S-Bahn-Bogen gefahren, hatten Stützmaterialien hineingebracht und die ausgebuddelte Erde herausgeholt. Ob die Bewohner der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite etwas von der Geschäftigkeit bemerken konnten, sei dahingestellt, es ist aber anzunehmen. [...]

Durch die Zugbewegungen gab es Erschütterungen, die den Tunnel schließlich an einer Stelle zum Einsturz gebracht hatten, bevor er fertig war. [...] Durch das Loch im Bahnsteig war die ganze Angelegenheit bemerkt worden, und die Grenztruppen der DDR hatten den Skandal aufgedeckt.«

Der Einsturz war ein Misserfolg und die vorgesehene Fluchthilfe gescheitert. Das Loch im Bahnsteig nutzten die Ost-Berliner Funktionäre, um auf die Gefährlichkeit dieser Grabungen hinzuweisen, die »Elemente der Unterwelt« sowie Willy Brandt und den Senat von West-Berlin anzuprangern. Wozu der Tunnel gedacht war und dass die Situation durch den Mauerbau verursacht worden war, weil er die Freizügigkeit der DDR-Bürger beschränkte, darüber verlor niemand von der Deutschen Reichsbahn und von der politischen Führung der DDR ein Wort. Die Mieter der Räume, in denen gegraben worden war, mussten den Bahnhof sofort verlassen. Die Fenster wurden zur Straßenseite hin zugemauert. 

Erich Preuss

Ein Artikel aus Bahn Extra 05/10
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