Der "Apfelsinenzug": Der Städteexpress der DR

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Das sollte sich 1976 ändern. Die Tschechoslowakischen Staatsbahnen (CSD) hatten eine Lieferung des VEB Waggonbau Bautzen über 103 Y-Reisezug-Wagen (Länge 24,60 Meter) nicht abnehmen können; daraufhin gingen der Reichsbahn erstmals neu gebaute Fahrzeuge zu. Im Einzelnen waren dies 43 Wagen der 1. Klasse und 60 der 2. Klasse. Im Inneren gab es die damalige „Plüschausführung“ der 1. Klasse einschließlich Teppichen, in der 2. Klasse einen roten Kunstlederbezug. Die Abteilwagen besaßen grundsätzlich sechs Sitzplätze je Abteil.

Neue Gattung für neue Wagen: Der Städteexpress der DR

Aufbauend auf diesem Wagenmaterial schuf die Deutsche Reichsbahn inmitten des zwei ten Fahrplanhalbjahres 1976 eine neue Zuggattung, die Städte-Expresszüge. Sie verbanden fortan die Bezirksstädte mit der Hauptstadt der DDR; das Ziel war, Berlin bis spä testens 10 Uhr zu erreichen. So fuhren die Züge zumeist in der Stunde Sechs ab.

Der Waggonbau Bautzen lieferte die Wagengarnituren in einem neuartigen Farbkleid in Orange-Weiß aus, so dass die Städteexpress-Züge oft als „Apfelsinenzüge“ bezeichnet wurden. Apfelsinenzüge hießen sie aber nicht allein wegen der Farbe, sondern auch deswegen, weil viele Berufspendler sie für eine Einkaufstour in die Hauptstadt und zurück nutzten. Zumeist bestanden die Züge aus fünf bis sechs Wagen der 1. und 2. Klasse sowie einem farblich passenden Speisewagen mit 24 Sitzplätzen. Im Zugbild wirkte dieser aber trotzdem merkwürdig, da er auf der Basis der so genannten Rekowagen vom Raw Halberstadt gebaut worden war und nur 18,70 Meter Länge (Gattung WRge) hatte.

Zu den Fahrgästen gehörte ein breit gestreutes Publikum, von zahlreichen Dienstreisenden und Schichtarbeitern der DR in der 1. Klasse bis hin zu Bauarbeitern in der 2. Klasse. Spötter bezeichnen ihn heute abfällig als Bonzenschleuder – was nicht stimmte, denn die Parteifunktionäre fuhren Auto. Vielmehr sollten mit den Zügen Bauarbeiter zu den Aufbauzentren nach Berlin gebracht werden, Berufsreisende zu ihren Gesprächsterminen in den Mutterbetrieben oder zu den Ministerien.

Der Städteexpress wurde als Jugendobjekt geführt

Die DR übergab die Züge als Jugendobjekt zumeist jungen Zugführern und Schaffnern. Doch so mancher Jugendbrigade gehörten auch ältere Kollegen an. Dieses Prestigeobjekt zu begleiten, machte den Zugbegleitern Freude; einerseits war der Zug selten überfüllt, andererseits wurde das Flair im Zug geachtet. Und aufgrund der zentralen Türschließeinrichtung konnte der Zugführer alle Türen auf einmal schließen – pünktliche Abfahrten waren nun garantiert. Besonders in Berlin-Lichtenberg taten sich die Züge damit hervor, gab es doch dort parallele Abfahrten und Ankünfte.

Alle Wagen waren im Bahnbetriebswagenwerk (Bww) Berlin-Lichtenberg beheimatet, obwohl sie nachts und an den Wochenenden in anderen Orten standen und dann für verschiedenste Sonderzugfahrten auch genutzt wurden. Eine besondere Herausforderung für alle Bww war die Sauberkeit – innen wie außen. Aufgrund der (Pfand suchenden) Flaschensammler an den Endstationen hatte sich ein Problem dabei zumeist von allein gelöst.

Zugloks für den Städteexpress der DR und weitere Entwicklung

Bei der Traktion setzte die DR zunächst auf zwei Lokomotiven der Diesellok-Baureihe 118 sowie kurz darauf auf die Baureihe 132. Mit der fortschreitenden Elektrifizierung kamen vermehrt elektrische Zugpferde der Baureihen 211, 250 und auch 243 zum Ein - satz. Das brachte dann auch Unterwegs halte zum Umspannen. Ansonsten fuhren diese Expresszüge (Gattung Ex – 5 Mark Auf - schlag statt 3 Mark D-Zug) von Bezirksstadt zur Hauptstadt nahezu nonstop. Und die Pünktlichkeit wurde besonders überwacht. So war der Städteexpress „Petermännchen“ mit 98 km/h Reisegeschwindigkeit der schnellste Zug im 120 km/h-Netz der DR. Auch die vorgespannten Lokomotiven glänzten.

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