Ziel: Berlin Stadtbahn

Die Berlin- bzw. Transit-Züge

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Entspannungspolitik im Zugverkehr

Der Berlin-Verkehr war zunächst alles andere als angenehm. Die Reisenden – großteils ältere Leute – wurden von den DDR-Kontrollorganen mit bewusst barschen Fragen und eingehenden Untersuchungen schikaniert – ganz nach der Vorgabe des permanenten »Klassenkampfes« . Das am 3. Juni 1972 in Kraft getretene Transitverkehrsabkommen schuf dann eine gesicherte Rechtslage und etwas Besserung für die Züge, für die in der Folge der Name »Transit-Züge« aufkam. Die Personenkontrolleinheiten (PKE, wie man heute weiß: sämtlich dem Ministerium für Staatssicherheit zugehörig) hatten sich fortan mit Kontrolle und Stempelung der Reisepässe zu begnügen. Das Reisegepäck blieb unangetastet; die Kontroll­aufenthalte wurden deutlich verkürzt, weil die PKE im fahrenden Zug agierten.

Der Grenzübergang Hof – Gutenfürst wurde 1972 zusätzlich für den Berlin-Verkehr geöffnet. Ab 30. Mai 1976 hielten die Züge auch in Berlin-Wannsee. Wenig später öffnete man die Strecke Berlin – Stendal für die Züge nach Hamburg; diese mussten ab 26. September 1976 nicht mehr den weiten Weg über Griebnitzsee und den westlichen Außenring nehmen, sondern wurden im neuen Kontrollbahnhof »Staaken Deutsche Demokratische Republik« abgefertigt und erreichten über Wustermark und Nauen die Hamburger Bahn.

Die »privilegierte Behandlung« der Reisenden erforderte auch die bevorzugte betriebliche Behandlung der Züge. Wäre in der DDR jemand zugestiegen, er wäre unbeanstandet in die Freiheit gefahren. Ergo galt es außerplanmäßige Aufenthalte zu vermeiden, wurden die Züge bei Betriebshalten von Transportpolizisten umgeben. Die Bahnsteige wurden für sonstiges Pub­likum abgesperrt. Dispatcher, Fahrdienstleiter und Stellwerker erwarteten die Berlin-Züge mit großer Anspannung, was diesen den Spitznamen »Zitteraal« einbrachte. Vor Verlassen des DDR-Machtbereiches wurden die Drehgestelle mit Hunden nach blinden Passagieren abgesucht. So nahm der Reisende immer wieder einen beklemmenden letzten Eindruck mit.

West-Berlin unterdessen war seit den 60er-Jahren ein beliebtes Reiseziel. Politische Bildung für Schulklassen, reiches Kulturprogramm und Weltstadtflair (trotz Teilung) holten Gäste in die Stadt. Auch Zuwanderer kamen, musste man doch als West-Berliner keine Wehrpflicht ableisten. Nach und nach entstand eine bunte Alternativszene, die weitere Neugierige anlockte. Das Interesse schien dem Transitzug zu nutzen: Im Winter 1970/71 gab es zwölf ganzjährige Transitzugpaare, im Winter 1980/81 dagegen 18. Die DR sprach 1987 von 2,5 bis 3 Millionen Reisenden pro Jahr im Transitverkehr. Jedoch sank die Tendenz damals und verlagerte sich aufgrund schneller IC-Anschlüsse der DB zunehmend auf die Relation über Helmstedt – zum Unmut der Reichsbahn, die dadurch weniger Einnahmen hatte. 

Bei der Zugbespannung war die schwere Einheitsschnellzuglok der Baureihe 01 seit den 50er-Jahren nicht wegzudenken. Bis 1971 beherrschte sie den Verkehr Berlin – Helmstedt. Zwischen Berlin und Hamburg wurde sie 1962 von der 03 abgelöst, die Ende der 60er-Jahre der »rekonstruierten« ölgefeuerten 015 wich. 015 fuhren seit 1962/63 auch auf der Strecke Bebra – Erfurt. Zwischen Probst­zella und Halle (Saale) arbeitete die aus der preußischen P 10 rekonstruierte Reihe 22, zwischen Halle und Berlin die 03. Ab 1963 galt es der DR als wichtige Statusangelegenheit, West-Berlin mit der neuen Schnellzugdiesellok V 180 anzufahren. Die Verdieselung des Berlin-Verkehrs gelang aber erst 1973 mit der Auslieferung der schweren sowjetischen »Ludmilla«, Baureihe 132. Ausnahmen gab es zur Freude der Dampflokfans noch länger.

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