Ein Ausflug zur Marschbahn 1972: Noch einmal ...

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In den Sommerferien 1972 soll es nun losgehen. Ganz so einfach kann ich meinen Entschluss aber nicht verwirklichen. Die geliebten Maschinen fahren rund
200 Kilometer entfernt von meinem Heimatort Hameln, Geld ist knapp. Also heißt es »leiden für die Dampfloks«. Denn um die Ausgaben für die Bahnfahrkarte zu sparen und mir vor Ort eine gewisse Mobilität zu sichern, fälle ich einen waghalsigen Entschluss: Vaters Mofa soll mich dorthin bringen. Die Erlaubnis habe ich, und so beginne ich am frühen Morgen des 11. August die große Fahrt. Mein Ziel sind die Marschbahn mit der 012 und anschließend die Emslandstrecke, wo sich noch die Loks der Baureihen 042, 043 und 044 im Güterverkehr tummeln.
Mit einem leisen, aber lahmen Viertaktmotor erreicht mein Honda-Gefährt auf brettebener Straße 24,5 km/h und benötigt rund anderthalb Liter Benzin für 100 Kilometer. Eine preiswerte, aber langwierige Fahrt, noch dazu schwer bepackt. Auf dem Mofa habe ich Kleidung und etwas Reiseproviant dabei, vor allem aber zwei Kleinbildkameras (je eine für Dia- und Schwarzweiß-Negativfilm), eine Schmalfilmkamera und einen kleinen Kassettenrekorder. Man soll meine Lok-Erinnerungen ja später nicht nur sehen, sondern auch hören können.
Zunächst bin ich erstaunt, wie viel Zeit man für drei Kilometer von Dorf zu Dorf braucht, aber irgendwann habe ich mich an mein »rasendes« Tempo gewöhnt. Die erste Pause lege ich in Soltau ein, wo eine Uelzener 50er vor dem Lokschuppen vor sich hin qualmt. Noch ein Tankstopp, danach geht’s weiter, Richtung Norden und dann geradeaus. Nächstes Zwischenziel ist der kleine Bahnhof Holm-Seppensen, Ausgangspunkt einer Museumsbahn auf 600-Millimeter-Gleisen. Es herrscht kein Betrieb, aber zwei kleine Feldbahndampfloks sind zu sehen. Anwohnerproteste werden wenig später zur Einstellung des Museumsbetriebs führen.

Nach rund zehn Stunden effektiver Fahrzeit erreiche ich am späten Nachmittag Hamburg und die Jugendherberge, in der ich mich schon angemeldet habe. Jetzt kommt die Vorfreude auf die Dampfloks so richtig auf. Trotz Müdigkeit und schmerzendem Hinterteil vergeht nur eine halbe Stunde, bis ich meinen »Feuerstuhl« wieder starte, gilt es doch, in Hamburg-Altona noch die Einfahrt eines 012-geführten Schnellzuges zu erleben. Meine Bahnzeitschrift hat nicht zuviel versprochen: Pünktlich um 19:21 Uhr rollt 012 082 mit dem langen D 1223 in die altehrwürdige Altonaer Bahnhofshalle ein. Sogleich verbreitet sich der betörende Duft von  Dampf und heißem Öl. Als der Rangierer die Lok von ihrem Zug trennt, dröhnt es aus der Lautsprecheranlage: »Hier Hamburg-Altona, hier Hamburg-Altona …« Und nicht irgendwelche Anschlusszüge in die nächsten Dörfer werden angesagt »... Schnellzug Komet nach Basel, dieser Zug führt nur Schlaf- und Liegewagen …« Ein Großstadtbahnhof, internationales Flair und dazu Dampf. So habe ich mir das vorgestellt.
Den nächsten Tag – Samstag, den 12. August – widme ich dem Dampfbetrieb in Hamburg mit all seinen Facetten. Neben den DB-Loks gibt es ja auch noch die 01.5-Renner der Reichsbahn in Altona zu erleben. D 407 zum Beispiel ist mit der Wittenberger 01 0508 bespannt,  und gegen 9 Uhr morgens kann ich ein weiteres Highlight genießen: 01 0502 steht abfahrbereit mit D 405 nach Berlin, direkt daneben am gleichen Bahnsteig wartet 012 082 mit D 1222 auf Ausfahrt nach Westerland. Die Paradedampfloks beider deutscher Bahnverwaltungen direkt nebeneinander, das gibt es nur in Altona. Anschließend sattele ich wieder mein Zweirad, um mich weiter in Hamburg umzuschauen: Im Bw Wilhelmsburg steht die »gerettete« 78 468, und in Rothenburgsort finden sich noch 50er und 94er unter Dampf, daneben eine P 8 mit (provisorischer) Ölfeuerung, die als Heizlok gedient hat. Auch ihre designierte Nachfolgerin, die Emdener 023 079, belegt dort ein Abstellgleis.
Am Sonntag, dem 13. August, heißt es von Hamburg Abschied nehmen. Mein Ziel ist Itzehoe, das heißt, 75 Kilometer auf der Landstraße mit dem Mofa
tuckern. Aber nicht in einem; zwischendurch banne ich noch drei 012-geführte Züge auf Schmalfilm. Höhepunkt des Tages ist die Ausfahrt der 012 102 mit dem D 533 aus Itzehoe, mit voll geöffnetem Regler hat die Lok mit ihrer langen Wagenschlange schon wenige Hundert Meter nach dem Bahnhof einen »Affenzahn« drauf … Das Bild habe ich noch vor Augen, als ich mich für den Rest des Tages im Itzehoer Freibad entspanne.

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