Ein Blick auf den "Wien-Holland-Express"

D 301 in Rüdesheim: Eine Begegnung vor 60 Jahren 
 

Zehn Wagen im Schlepp hat die Schnellzuglok 01 177, als sie am späten Vormittag des 25. Februar 1961 die Stadt Rüdesheim am Rhein passiert. Genau dort, kurz vor dem Bahnübergang der Rheinstraße, der heutigen Bundesstraße 42, hat sich an jenem Tag vor rund 60 Jahren der Bopparder Eisenbahnfreund Hans Schmidt postiert. Einen weiten Weg hatte er nicht zu seinem Fotomotiv, Boppard ist nur rund 30 Kilometer entfernt. Allerdings liegt der Ort auf der anderen Rheinseite, sodass eine Fahrt mit der Fähre oder ein größerer Umweg zu Land und über eine Brücke anstanden. 
Der Zug, den der Fotofreund hier antrifft, lohnt die ­Anreise freilich allemal. Die außergewöhnliche Silhouette der Wagen verrät es: Nicht irgendeinen Zug hat die wuchtige Pazifiklok am Haken, sondern mit dem „Wien-Holland-Express“ einen der internationalen Vertreter mit langem Laufweg. Bei der Bundesbahn trägt er die Zugnummer D 301. Der Beiname „Express“ hat durchaus seine Berechtigung; er verbindet die österreichische Hauptstadt in einer knapp 18-stündigen Fahrt mit der einwohnerstärksten niederländischen Stadt, Amsterdam. 
Dort, wo Hans Schmidt dem Schnellzug seine Aufwartung macht, hat dieser schon den Großteil seiner Reise hinter sich. Gestartet ist D 301 am Vortag um Punkt 23 Uhr im Wiener Westbahnhof als – nach österreichischer Nomenklatur – Expresszug Ex 301. In den folgenden Nachtstunden führt sein Weg über Linz nach Passau. Nun auf Bundesbahngleisen, firmiert er fortan als D 301 und setzt seine Reise zunächst im Gefolge einer E 18 fort. Die Zoll- und Passabfertigung findet zu nachtschlafender Zeit im fahrenden Zuge statt. Nürnberg und Würzburg werden früh am Morgen erreicht, Frankfurt (Main) Hauptbahnhof um 9:23 Uhr. Hier heißt es Fahrtrichtung wechseln und umspannen auf eine E 41, mit der es in umgekehrter Wagenreihung um 09:34 Uhr weitergeht. Eine E 41 vor einem ­solchen Fernzug? Das hat nur kurz Bestand, nach wenigen Kilometern ist mit Wiesbaden Hbf der nächste Kopf­bahnhof erreicht. Dort setzt sich wieder eine „standes­gemäße“ Lok an die Garnitur, eben 01 177, die damals zum Bw Koblenz-Mosel gehört. 
Um 10:18 Uhr geht die Fahrt weiter, die Neubaukessel-01 wird bis Koblenz Hbf die Traktion übernehmen. Bei der Fahrt auf der rechten Rheinseite legt D 301 nur einen Zwischenhalt ein – und zwar in Rüdesheim um 10:44 Uhr. In Koblenz-Horchheim wird der Zug über die gleichnamige Brücke die Rheinseite wechseln, um den ­Koblenzer Hauptbahnhof zu erreichen, laut Plan um 11:44 Uhr. Damit ist die „Schicht“ der 01 177 vor dem „Wien-Holland-Express“ beendet. Eine Serienlok der Baureihe E 10 führt ihn nach Köln Hbf, eine V 200 schleppt ihn bis Arnheim und eine niederländische Diesellok bewältigt mit dem Zug die letzte Etappe bis Amsterdam Centraal. Am Zielort soll der Schnellzug um 16:44 Uhr eintreffen. 
Nicht nur die Bespannung des Zuges wechselt mehrfach, auch die Zusammensetzung. In Frankfurt (Main) zum Beispiel blieben die Schlaf- und Liegewagen zurück, die Reise wird als Tageszug fortgesetzt. Ein DSG-Speisewagen sorgt seit Würzburg (wieder) für das leibliche Wohl der Reisenden, nachdem anfangs (bis Schärding) ein Speisewagen der Internationalen Schlafwagen-Gesellschaft ISG eingereiht war. So ergibt sich ein durchaus buntes Zugbild, unter anderem in Rüdesheim. Hinter 01 177 sind vier blaue Wagen der Niederländischen Staatsbahn eingereiht, drei Sitzwagen vom Typ Plan D mit dem 1.-Klasse-Wagen an der Spitze sowie ein passender Gepäckwagen der Bauart DIV. Dahinter folgen der rote DSG-Speisewagen und fünf blaue Bundesbahn-Sitzwagen der 26,4-Meter-Bauart. Ein Zehn-­Wagen-Zug also, welcher der 01 einiges, aber nicht alles abverlangt ...
Doch strebt die Bundesbahn am Rhein einen moderneren Bahnbetrieb an. Auf der linken Rheinstrecke reicht der Fahrdraht schon von Süden hinauf bis Köln, rechtsrheinisch soll man auch bald elektrisch fahren können. An jenem 25. Februar 1961 ist in Rüdesheim zwar noch keine Oberleitung zu sehen, doch die ersten Fundamente für die Masten der Quertragwerke sind bereits gegossen; zwei davon lassen sich rechts im Bild erkennen. Rund acht Monate später, am 1. Oktober 1961, eröffnet die DB den elektrischen Betrieb zwischen Wiesbaden und Oberlahnstein, ab dem 3. Februar 1962 von dort weiter bis Koblenz. Die Gleislage wird sich über die folgenden 60 Jahre hier kaum ändern. Die Dampfbespannung des D 301 dagegen zeigt sich an dem sonnig-milchigen Wintertag ausdrucksvoll, aber gleichermaßen als Auslaufmodell.

Von Oliver Strüber/GM
Ein Artikel aus BAHN EXTRA/BAHN EPOCHE 3/21

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