Eine Fahrt im D 443

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Zwischen Abscheu und Mitleid  
Draußen versteckt sich die abgekuppelte 216 schamhaft auf einem Abstellgleis, um auf einen Zug zurück nach Westen zu warten. Auf einen Zug heraus aus dieser beklemmenden Umgebung, heraus aus diesem Bahnhof, der statt großer Gefühle von Begrüßung und Abschied nur Angst und Einschüchterung verbreitet, in dem die Kontrolleure mit ihrem Gebaren ein schlechtes Gewissen einreden – warum eigentlich? – und eine stille Abscheu gegen das System DDR provozieren. Und der gleichzeitig doch einen Hauch von Überlegenheit, ja Mitleid hervorruft. Wie schwach muss ein System sein, wenn es seine eigenen Bewohner einsperrt und seine Besucher so penibel, so abschreckend kontrolliert? Und dann die Grenzorgane: Gerade noch ziehen sie als arrogant ihre vermeintliche Macht zur Schau tragende kleine Könige durch die Züge. Doch immer, wenn sie wieder einen Interzonenzug „nach der BRD“ abgefertigt haben, müssen sie aussteigen. Wie kleine Kinder. Für sie sind die Ziele unerreichbar, zu denen die eben noch von ihnen gedemütigten Reisenden fahren dürfen.
Wir sind jedoch auf dem Weg nach Osten. Endlich geht es weiter, hinein in die „Demokratische Republik“. Auf dem Bahnsteig bleiben die Uniformierten zurück. Nein, Ihr habt uns mit euren schikanösen Ritualen nicht aufhalten können! Auf eingleisiger Strecke schaukelt D 443 im Schlepp einer mächtig qualmenden 119er-Diesellok der Reichsbahn – ein viel zu großer Name für die Bahn dieses kleinen Landes – durch die Felder der Altmark. Die Sonne scheint, es riecht nach gemähtem Gras. Das bei der Bundesbahn schon fast vergessene Auf und Ab der Telegrafenleitung begleitet die Fahrt. Formsignale, Bahnhofsschilder aus Emaille, Dörfer mit bröckelnden Fassaden und Kopfsteinpflasterstraßen ziehen am Fenster vorüber. An den Bahnübergängen warten kleine Autos mit blauen Abgasfahnen.

Aus dem Interzonenzug sieht man die DDR ungeschminkt und paradox. Da ist Stendal mit den Türmen in Backsteingotik und manches Dorfidyll, wie ich es „im Westen“ nur aus alten Heimatfilmen kenne. Da ist aber auch das langsame Zuckeln unseres Zuges, ich entdecke draußen viel Grau, vieles wirkt recht einfach, mitunter gar lieblos oder einfach kaputt. Der Gegensatz zwischen den hier und da ausgehängten Jubelparolen der DDR-Politik und der tristen Realität ist offensichtlich. Geradezu absurd wirken da der Perfektionismus und der gigantische Aufwand bei der Grenzkontrolle.
Im Zug sitzen anfangs viele alte Leute – wer jung ist, darf nicht rüber (DDR-Bürger) oder will kaum rüber (Bundesbürger). Immerhin: Seit Stendal ist D 443 für den DDR-Binnenverkehr geöffnet. Zu den Rentnern in braunen oder grauen Kunstfaser-Anoraks, mit Rüschenblusen und grob gemusterten Koffern kommen neue Reisende, manchmal auch junge Leute in marmorierten Jeans mit „Vokuhila“-Frisur (vorne kurz, hinten lang). Und das ist wohl das Erstaunlichste an dieser Fahrt: Wie alle Züge in die DDR selektiert D 443 seine Reisenden nicht nach Ost und West. Bei Oebisfelde trennt eine tödliche Grenze die Völker des geteilten Deutschlands, der Interzonenzug  dagegen schafft Verbindungen. Hier sind wir schon mehr oder weniger ein Volk – Jahre, bevor die Mauer fällt und die Wiedervereinigung kommt.  

Noch mehr Infos und Bilder finden Sie in BAHN EXTRA 04/11!

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