BE 3/21, Seiten 90-96

Fahrzeuge: Neue Arbeit für die "Dicken"

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Mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 gewann der Bahnhof Nordhausen erheblich an Bedeutung. Wenige Tage später schon wurde der Personenverkehr zwischen Ellrich und Walkenried wieder aufgenommen, am 27. Mai 1990 die Strecke Arenshausen – Eichenberg neu eröffnet. Passierten bis zum Herbst 1989 noch durchschnittlich 55 Reise- und Güterzüge am Tag Nordhausen, waren es nun bis zu 195. Das Bw profitierte zunächst von dieser Entwicklung, denn durch den Ost-West-Verkehr konnten einige Leistungseinbußen im Güterverkehr ausgeglichen werden. Für die Eilzug-Leistungen auf der Südharzstrecke griff die Abteilung Triebfahrzeug-Betrieb (Tb) zunächst auf Dieselloks der Baureihe 112 zurück. Doch als die Eilzüge mit dem Fahrplanwechsel am 30. September 1990 von Northeim (Han) bis Altenbeken und Göttingen verlängert wurden, genügten die Maschinen kaum noch den betrieblichen Belangen. Aus diesem Grund wies die Reichsbahndirektion Erfurt dem Bw Nordhausen nach und nach Dieselloks der Baureihe 114 zu, die aufgrund ihres 1.100 kW starken Motors rund 30 Prozent mehr Zugkraft entwickelten als die 112. Am 1. Januar 1992 verfügte das Bw Nordhausen über zwölf Maschinen, die nun zur Baureihe 204 umgezeichnet wurden. Diese bespannten in Doppeltraktion auch Durchgangsgüterzüge auf der Relation Nordhausen – Northeim (Han) – Göttingen.

Die Rückkehr der V 180
Aber auf die Dauer war auch die 204 (bis 1992: 114) aufgrund ihrer auf 100 km/h begrenzten Höchstgeschwindigkeit dem Eilzugdienst auf der Verbindung Nordhausen – Northeim (Han) – Göttingen/– Altenbeken nicht gewachsen. Häufig mussten die Maschinen bis zur Leistungsgrenze ausgefahren werden. Dies galt vor allem für den Abschnitt Herzberg (Harz) – Scharzfeld – Osterhagen, deren Steigungen die Motoren der 114 stark beanspruchten und einen erhöhten Instandhaltungsaufwand verursachten. Daher suchten die Rbd Erfurt und das Bw Nordhausen ab Ende 1992 nach einem Ersatz. 
Auf die in Nordhausen beheimatete Baureihe 232 (ex 132) konnten sie dabei nicht zählen. Auf dem Abschnitt Walkenried – Bad Sachsa verlief die Strecke durch einen Einschnitt des Karstgebirges, an dem es immer wieder zu Absenkungen kam, die sich nur aufwendig beheben ließen. Eine Langsamfahrstelle und die auf fünf Tonnen pro Meter begrenzte Meterlast sollten weitere Komplikationen vermeiden – was gleichzeitig einen Einsatz der 232 mit ihrer Metermasse von 5,95 Tonnen pro Meter ausschloss. Auch die alternativ erwogene Verwendung der Baureihe 219 (ex 119) scheiterte, da sie mit 5,1 Tonnen pro Meter ebenfalls über dem Grenzwert lag. Dagegen erfüllte die 2286–8 mit 4,9 Tonnen pro Meter die Anforderungen. Zudem waren die Maschinen mit einer Gesamtmotorleistung von 1.800 kW, einer Dauerzugkraft von 178 kN und 120 km/h Höchstgeschwindigkeit allen Aufgaben im Personen- und Güterverkehr gewachsen. Damit war der Weg frei für die überraschende Rückkehr der „Dicken Babelsbergerin“. 
Weil die Rbd Erfurt die benötigten Maschinen nicht selbst freisetzen konnte, mussten die Bahnbetriebswerke Brandenburg, Leipzig Hbf West und Wustermark entsprechende Dieselloks abgeben. Das dritte Kapitel der V 1802-4 bzw. jetzt 2286-8 im Südharz begann am 17. März 1993 mit der Ankunft der 228 798. Ihr folgten bis zum Fahrplanwechsel am 23. Mai 1993 weitere vier Maschinen, für welche die Tb-Gruppe den fünftägigen Dienstplan 47 aufstellte. Dieser umfasste neben den Eilzügen nach Altenbeken, Göttingen und Northeim (Han) auch Nahverkehrszüge (N) auf den Relationen Nordhausen – Sondershausen – Brettleben und Nordhausen – Leinefelde – Eichenberg. Mit dem Pendel N 6614/6645 kamen die Maschinen bis nach Erfurt. Die durchschnittliche tägliche Laufleistung jeder Maschine betrug 431 Kilometer. Die beiden „Starleistungen“ der Baureihe 2286–8 waren jedoch die Durchgangsgüterzüge (Dg) 55633 und 55635 Göttingen – Northeim (Han) – Nordhausen, vor denen die Maschinen noch einmal eindrucksvoll ihre Leistung unter Beweis stellen konnten. Dies galt vor allem für den am späten Nachmittag verkehrenden Dg 55635, der planmäßig mit zwei Dieselloks (in Doppeltraktion) bespannt war.
In den folgenden Wochen stockte die DR den Bestand der Baureihe 2286–8 im Bw Nordhausen weiter auf. Nach der Übernahme der 228 788 standen nun insgesamt zehn Maschinen zur Verfügung, von denen sich die ehemaligen Brandenburger 228 686, 228 714 und 228 767 durch ihre Lokschilder optisch deutlich von ihren Schwestermaschinen unterschieden. Eine Sonderrolle nahmen auch 

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Fotos: 
Dirk Endisch
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