BE 3/21, Seiten 74-79

Galerie: Bei den Schwerathleten

44 im Raum Ottbergen: 
Im südlichen Weserbergland kündigt sich im Frühjahr 1976 der Abschied von der Dampflok unaufhaltsam an. Grund genug, 
die Gegend um Ottbergen aufzusuchen und den morgendlichen Nahgüterzug im Bild festzuhalten. Ein Festspiel für 44-Fans beginnt! 
 
12. April 1976: 044 085-9 mit dem Nahgüterzug 63242 © Georg Wagner
Eine Wiese oberhalb von Amelunxen, ganz am östlichen Rand Nordrhein-Westfalens gelegen, an einem Montagmorgen gegen 6 Uhr. Das absolute Top-Reiseziel in diesem Frühjahr 1976! Dachten mein Freund Thomas Tschirner und ich – und stehen nun bei Temperaturen um den Gefrierpunkt alleine auf der noch leicht verreiften Weide. Selbst die Kühe sind noch im Stall. Kurz nach 3 Uhr haben wir uns in ­Essen auf den Weg nach Ostwestfalen gemacht. 
Über die neue Autobahn 44 in Richtung Kassel, ab Büren über die Dörfer, dann auf der schon als Schnellstraße ausgebauten Bundesstraße 64 an Paderborn und Bad Driburg vorbei ins Zielgebiet. Kurz vor Ottbergen am Bahnübergang noch ein kurzer Halt mit „konspirativer Absprache“ mit dem Eisenbahner. Und weiter nach Amelunxen. Es kann losgehen.

Nach Amelunxen und dem Zug folgen 
Im 88 Kilometer weiter östlich gelegenen Herzberg hat die 044 085-9 an jenem 12. April 1976 pünktlich um 3:14 Uhr ihre Fahrt mit dem montags immer ­besonders gut ausgelasteten Nahgüterzug 63242 nach Altenbeken begonnen. Nach anstrengender Bergfahrt über den Solling erreicht die Lok gegen 6 Uhr die Weser bei Karlshafen. Im verschlafenen Amelunxen ist es noch absolut ruhig. Allenfalls ein heiserer Hahn verschafft sich gelegentlich Gehör. Doch ganz entfernt im Osten hört man ein leises Grummeln. Kommt der Zug? Das Grummeln vermischt sich mit einem leichten Dröhnen – die Weserbrücke bei Wehrden ist erreicht. Er kommt! Die Sonne steht passend im leichten morgendlichen Dunst. Nicht zu grell, gerade richtig. Das könnte klappen! In der Ferne, beim Bahnhof Wehrden, wo die Strecke von Scherfede nach Holzminden die Hauptbahn kreuzt, taucht eine Dampfwolke über dem Horizont auf. Der Zug rollt gut. Mit vielleicht 50 km/h geht es durch das flache Tal dem Zwischenhalt in Ottbergen entgegen. Die Dampffahne hängt lang über dem Zug und markiert den kurvigen Streckenverlauf. Die Dächer der Güterwagen reflektieren die Sonne, als wir fotografieren. 

Bild Nummer 1 – das hat geklappt!
Jetzt hinterher. In Ottbergen, drei Kilometer von Amelunxen entfernt, hat der Zug einen planmäßigen Aufenthalt von 6:25 bis 6:52 Uhr. Als wir dort eintreffen, steht die Wagenreihe bereits im Bahnhof. Die Schranke am westlichen Bahnhofskopf ist noch offen, also rüber auf die Ladestraße. Die beste Startposition für die weitere Verfolgung. Und ein guter Ausblick auf das Geschehen im Bahnhof. Für uns überraschend, hat die 044 085-9 den Zug verlassen und rollt ins Bahnbetriebswerk, während die 044 334-1 den Ng 63242 übernimmt. Die durch den Dunst gemilderte Sonne steht als kreisrunder Ball am Himmel, die gelegentlich abblasenden Sicherheitsventile der offensichtlich gut für die folgende Bergfahrt präparierten Maschine sorgen für die passenden Dampfwolken. Niemand stört sich daran, dass wir mitten in den Betriebsgleisen stehen, um die Signalsilhouetten passend in Szene zu setzen (Bild 2). Perfekt! 
Die eigentliche Ausfahrt ist dann akustisch eindrucksvoll, aber fotografisch weniger spektakulär. Die Sonne verschwindet ­völlig hinter der Dampfwolke. Das müsste etwa zwei Kilometer weiter von der Feldweg­brücke aus gesehen besser gehen. Noch neben der tobenden Lok herfahrend, verlassen wir die Laderampe, geradeaus auf die B 64. Doch jetzt gilt es. 800 Meter weiter führt die Bundesstraße über einen Bahnübergang, den wir noch überqueren müssen, um zu der dahinter gelegenen Feldwegbrücke zu kommen. Hatte unsere „konspirative Ab­sprache“ mit dem Schrankenposten am ­Morgen Erfolg? 
Als wir 300 Meter vor uns den Bahnübergang erkennen können, sind die Schrankenbäume schon halb heruntergekurbelt. So ein Mist! Doch Halt, sie bleiben in dieser Stellung stehen! Der Schrankenwärter wartet tatsächlich auf uns! Also im leichten Slalom hinüber. Ein Blick nach links: Der Zug ist im guten Schritttempo 400 Meter hinter uns. Ein Blick zum Posten: Er hat beide Hände an den Kurbeln, schenkt uns ein leichtes Grinsen. Danke! Im Rückspiegel sehe ich die Schrankenbäume herunterfallen. Eisenbahn mit Menschen macht schon Spaß! Rechts ab zur Feldwegbrücke. Der Zug ist gerade am Bahnübergang. Passt! Kraftvoll zieht die 044 334-1 ihren langen Zug bergan in Richtung Hembsen und wir genießen die Arbeit des schweren Dampfathleten. Gestalterisch interessant, kontrastieren die durch die Streiflichtbeleuchtung einzeln hervorgehobenen weichen Dampfwolken mit den grafisch harten linearen Strukturen der noch unbelaubten Bäume (Bild 3). Schön!

Der Glanzpunkt: Einfahrt in Bad Driburg

Seiten

Fotos: 
Georg Wagner
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Fahrzeuge: Neue Arbeit für die "Dicken"

228 zwischen DB und DR: 
Große Überraschung im Südharz: Von 1993 an durfte sich die Baureihe 228 auf der Verbindung Nordhausen – Göttingen/– Altenbeken beweisen... weiter

Züge: Nicht immer systemtreu

Vier Züge im Kurzporträt:
Vier bis sechs Wagen waren für rein erstklassige Intercity-Züge typisch. Doch es gab auch wesentlich längere Garnituren, andere Züge...

weiter

Besonderes Bild: Ein Blick auf den "Wien-Holland-Express"

D 301 in Rüdesheim: Eine Begegnung vor 60 Jahren