BE 3/21, Seiten 74-79

Galerie: Bei den Schwerathleten

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An der Blockstelle Hembsen, vor Brakel und bei Herste gelingen weitere Bilder dieses tollen Zuges, doch der eindrucksvollste Moment dieser 44-Festspiele steht uns noch bevor. Die Einfahrt in Bad Driburg könnte ja auch zu schaffen sein. In der starken Steigung hat die 044 334-1 deutlich an Tempo verloren. Also rechts ran und rasch den Bahndamm hinaufgeklettert. Mein früherer Sportlehrer hätte sich sehr gewundert – aber diese Motivation konnte ich bei ihm nie entwickeln. Oben angekommen, keuchen wir mit der 44 und wahrscheinlich auch mit deren Heizer um die Wette. Ohne jedes Schleudern, aber mit einer Kraftentfaltung bis zum Anschlag bezwingen Mensch und Maschine Meter für Meter des Anstiegs. In den nahen Kliniken des Kurorts dürfte das Frühstücksgeschirr geklappert haben (Bild 4).
Es folgen noch die Ausfahrt aus dem Reelser Tunnel und eine schon wieder deutlich schnellere Vorbeifahrt vor Langeland, dann hat der Ng 63242 den Rehbergtunnel erreicht und rollt hinab nach Altenbeken. Es ist kurz vor 8 Uhr an diesem Morgen. Zwei Stunden lang haben wir den Zug begleitet. Zwei Stunden, die ich nicht vergessen werde. Dampfwolken statt Loknummern. Große Dampf-Atmosphäre, die nur noch kurze Zeit hier besteht. Ottbergen ist tatsächlich das Top-Reiseziel im Frühjahr 1976. Aber neun Wochen später ist dort auch alles vorbei.

Von Georg Wagner
Ein Artikel aus BAHN EXTRA/BAHN EPOCHE 03/21

ZUR PERSON: Georg Wagner
ls Ruhrgebiets-Nachkriegskind 1954 in Essen geboren, erwachte mein Interesse für die Eisenbahn wohl mit den gelegentlichen Bahnfahrten unserer zunächst autolosen ­Familie. Mein erstes Eisenbahnfoto entstand 1967 mit der mütterlichen Agfa-6x6-Rollfilmkamera mit ausklappbarem Balgen beim Umsteigen in München Hbf (eine einfahrende E 16). 
Anfang 1970 kam eine Zeiss-Ikon Icarex35 mit einem 50/2,8-Tessar-Objektiv ins Haus. Jetzt begannen die großen Touren in der 
Ferienzeit zu den letzten Dampflokzentren in Westdeutschland. Irgendetwas war immer „in den letzten Zügen“: die 65 in Weinheim oder Aschaffenburg, die 03 in Ulm, die 82 in Siershahn, die 41 und 55 in Eifeltor und Gremberg, die 94 in Dillenburg, Hamburg, Emden. Man hätte überall gleichzeitig sein müssen. Für die ausscheidenden Altbau-­Elloks 116, 117, 119 oder die frühe Bundesbahn-Großdiesellok 280 hatte ich damals keinen Blick, kein Geld, keine Zeit. 
Die Prioritäten waren durch den Dampf gesetzt. Und alles ging zunächst nur mit der Bahn und zu Fuß. Streckenaufnahmen waren schwierig. Durch eine gewisse Überzeugungskraft meinerseits schaffte sich (oder uns?) meine Mutter ein Auto an. Und sie war tatsächlich auch oft bereit, gewisse Umwege oder rein zufällig bahnbezogene Urlaubsorte anzusteuern. Das war schon toll.
Die große Freiheit begann dann Ende 1972 mit dem eigenen Führerschein. Endlich konnte ich die seltener werdenden Dampfzüge verfolgen, die Bildausbeute wurde deutlich größer und die Streckenaufnahmen wurden zahlreicher. In diesen Jahren waren wieder verschiedene „Jadziele“ angesagt: die 01 in Hof, die 38 und 78 im Schwarzwald, die 23 in Crailsheim, die 012 im Emsland, der Dampfbetrieb im heimischen Ruhr­gebiet und eben auch die 44 um Ottbergen.
Ab 1975 ging es auch in die DDR, wo neben den 5810 und 9420 in Aue, den 95 in Sonneberg, den 015 in Saalfeld noch etliche Schmalspurbahnen auf dem Programm standen. Damals war ja nicht zu erahnen, dass es diese heute, mehr als 40 Jahre ­später, nach wie vor geben sollte. Im Westen war das Dampfende in den späten 1970ern hingegen absehbar. Wie sollte es danach weitergehen?

Neue Ziele für die Fotografie
Mit neuer Kamera (Asahi Pentax 6x7) und neuen Zielen (Diesel- und Elektro-Traktion) begann ich 1977 die flächendeckende ­­Foto-stellensuche zunächst im Bundesbahn-Gebiet. Und da gab es noch viel zu ent­decken. Nicht nur die Fahrzeugraritäten wie die 118, die 194 oder die 220/221, sondern auch den ganz normalen (und aus heutiger Sicht längst historischen) Betrieb auf den landschaftlich schönsten Strecken. 

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Fotos: 
Georg Wagner
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