Gleise im Visier: Ein Luftangriff auf die Strecke München – Rosenheim 1945

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Dass dennoch keine Personen zu Schaden kommen, erklärt Mathilde Bauer mit den Vorkehrungen bei der Bahn: „Die Reichsbahn hatte ein zusätzliches, quasi betriebsinternes Warnsystem. Es war schneller und präziser als das öffent­liche Warnsystem. Gab die Reichsbahn Alarm, wurden alle Eisenbahn-Signale sofort auf Halt gestellt. Die Bediensteten der Reichsbahn verließen bei Alarmierung ihre Diensträume und suchten die Luftschutz-Einrichtungen auf. Zu diesen gehörten auch zwei kleine Betonhäuschen. Wie ich mich erinnere, handelte es sich um zylindrische Betonrohre mit einem Durchmesser von etwa 150 Zentimetern und einer kegelförmigen Abdeckung. Eine Person konnte darin Unterschlupf finden. Sie dienten dem Splitterschutz und befanden sich in der Nähe der Stellwerke …“ Dabei dürfte es sich um tonnenschwere „Ein-Mann-Bunker“ gehandelt haben, die seinerzeit in großer Stückzahl industriell gefertigt und je nach Bedarf aufgestellt wurden.

Bei Oberelkofen, ein paar Flugsekunden zurück in Richtung Aßling, fallen drei weitere Sprengbomben auf das Gleisbett, doch dann – falls die offizielle „Meldungserstattung“ der Chronologie der Ereignisse folgt – kommen die Piloten vom Kurs ab. Sie fliegen ihre Angriffe in nur wenigen hundert Metern Höhe, gelegentlich kommen sie dabei herunter bis in Bodennähe. Auf Sicht fliegend, brauchen sie eigentlich nur dem Gleisbett zu folgen, ihre Ziele sind entlang der Schienen wie Perlen auf einer Kette aufgereiht – aber bei Westerndorf, abseits der Bahnlinie München – Rosenheim, werfen sie zehn Sprengbomben „auf freies Feld und Wald“. Vermuten die Piloten dort ein lohnendes Ziel? Lassen sie sich von den Gleisen der damals noch existierenden Lokalbahn Grafing – Glonn in die Irre leiten? Jedenfalls kehren sie danach zum eigentlichen Ziel zurück.

Den Bahnhof von Kirchseeon treffen 15 Sprengbomben, ein dort abgestellter Zug wird mit Bordwaffen beschossen. Zwei Tote und zwei Verletzte sind zu beklagen, ein Sägewerk wird zerstört, mehrere umstehende Gebäude werden mehr oder weniger stark beschädigt. Auch bei Eglharting wird eine Bombe auf das Gleisbett abgeworfen, sie verfehlt ihr Ziel und trifft das Forsthaus neben dem Bahndamm. Drei im Keller verschüttete Personen können nur noch tot geborgen werden.

Das Bahnhofsgelände von Zorneding fliegen die amerikanischen Flugzeuge mehrfach an. Beim ersten Angriff werfen sie 18 Bomben auf den Bahnhof, wobei das 200.000 Liter fassende Öllager eines Münchner Unternehmens in Brand gerät. Ein Lastwagen wird zerstört, die Bahnhofsgebäude und zahlreiche Bauten in der näheren Umgebung werden schwer beschädigt. Auch hier kommen zwei Personen ums Leben, zwei weitere werden schwer verletzt. Beim zweiten Anflug beschießen die P-38 mit ihren Bordwaffen zwei Elloks, zerstören die Oberleitung, eine Lagerhalle und beschädigen eine Wohnung schwer. Der dritte Angriff trifft die Bahnhofsgaststätte samt Nebenhaus und Stallung, und auch beim Abwurf von zwei Sprengbomben auf den Bahnhof Baldham werden das Bahnhofsgebäude und mehrere umliegende Häuser in Mitleidenschaft gezogen.

Anschließend fliegt die Einheit wohl zu einem bei Parsdorf im Osten Münchens eingerichteten Scheinflughafen weiter. Scheinflughäfen sind eine Art Potemkinsches Dorf mit Kulissengebäuden und Flugzeugattrappen aus Holz und Leinwand, welche die Aufmerksamkeit feindlicher Flieger auf sich ziehen und von tatsächlichen Zielen ablenken sollen. Falls dies am 21. April 1945 bei jenen 35 P-38 der 15. Air Force der Fall ist, kommt  die Ablenkung eindeutig zu spät. Ihren Auftrag haben sie bereits erfüllt.

Keinerlei Gegenwehr
Die Tiefangriffe finden zwischen 10:00 und 12:30 Uhr statt, und während dieser zweieinhalb Stunden stoßen die Flieger auf keinerlei Gegenwehr. Deutsche Jagdflugzeuge sind nicht zu sehen und es hat den Anschein, als gebe es in der gesamten Region keine Fliegerabwehrkanone (Flak) – von den vier in Aßling zerstörten Flakwagen einmal abgesehen. Die entsprechenden Berichte bieten dafür keine Erklärung. In der Rubrik „Eigene Abwehr“ steht lediglich die Feststellung „keine“, folglich kann es auch „keine Abschüsse“ geben. Eine dreiviertel Stunde nach dem Verschwinden der US-amerikanischen Jagdflieger gibt es `Entwarnung´, für die sofort beginnenden Aufräumungsarbeiten werden nach Angaben der örtlichen Behörden „ca. 200 Mann Volkssturm, ca. 40 Kriegsgefangene, das Deutsche Rote Kreuz und Sanitätspersonal des Reservelazarettes Kirchseeon“ herangezogen.

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