Gleise im Visier: Ein Luftangriff auf die Strecke München – Rosenheim 1945

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Die offiziellen Berichte an den Landrat in Ebersberg und andere übergeordnete Stellen geben Aufschluss über das Ausmaß der Schäden. Die Bilanz des Fliegerangriffs vom 21. April 1945: Acht Menschen getötet, acht weitere zum Teil schwer verwundet, 90 Personen sind vorübergehend obdachlos, werden aber innerhalb weniger Stunden anderweitig untergebracht. Der entstandene Sachschaden ist hoch: Zahlreiche Bahn- und Wohngebäude, Lagerhäuser, Werkstätten und Industrieanlagen – unter anderem auch das Reichsbahnschwellenwerk Kirchseeon – sind mehr oder weniger stark beschädigt; das Feuer im Zornedinger Öllager hat sich zum Großbrand ausgeweitet. Obendrein hinterlassen die Jagdbomber ein gefährliches Erbe: Ein gutes Drittel der abgeworfenen Bomben ist nicht explodiert, ein spezielles Sprengkommando muss die Blindgänger entschärfen.

Die an Wohnhäusern entstandenen Schäden würde man heutzutage als „Kollateralschaden“ bezeichnen, private Liegenschaften sind nicht das Ziel der Flugzeuge. Ihnen geht es um die Anlagen der Reichsbahn, und in dieser Hinsicht ist ihr Einsatz ein voller Erfolg: „Die Bahnanlagen der Bahnhöfe Aßling, Grafing, Kirchseeon, Zorneding, Baldham wurden nachhaltig zerstört. Zugverkehr nicht möglich. Oberleitungen defekt“, heißt es in den Berichten des Gendarmerie- bzw. Landkreises Ebersberg.  Der nördliche Abschnitt der Strecke München – Rosenheim ist zumindest vorübergehend unbrauchbar gemacht. Allerdings drängt sich aus heutiger Sicht die Frage nach dem militärischen Sinn dieses Angriffs auf: Soll er die Versorgung der Verteidiger auf der wichtigen Bahnverbindung München – Salzburg bzw. München – Innsbruck unterbinden? Noch wird mancherorts in den Alpen gekämpft, andererseits ist unklar, wie viel die Bahn zu jener Zeit an Nachschub liefern kann. 
Nur wenige Tage später jedenfalls, am
1. Mai 1945, marschieren die ersten US-Truppen in Grafing ein. Der Krieg ist für den Landkreis Ebersberg zu Ende. Zum  Gedenken an den Luftangriff vom April 1945 hat man übrigens später am Bahnhof von Kirchseeon einen entschärften Blindgänger als Mahnmal auf­gestellt.
Peter Cronauer/GM

Noch mehr Bilder und Infos finden Sie in BAHN EXTRA 02/11

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