Innerdeutsche Lebensader

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Lokdurchläufe weit über die Grenzbahnhöfe hinaus gab es nun – und bis November 1989 – nicht mehr. Die Reichsbahn (West) und ab September 1949 die Bundesbahn bespannte Interzonenzüge (und auch Güterzüge) bis zu den Bahnhöfen Oebisfelde, Ellrich und Probstzella der Reichsbahn (Ost) bzw. DR; die DR wiederum fuhr mit ihren Lokomotiven bis Lübeck, Hamburg-Altona, Helmstedt, Bebra und Hof.

Unterhalb des Interzonen-Fernverkehrs wurde in bescheidenem Umfang wieder ein Personenzugangebot für den kleinen Grenzverkehr eingerichtet, insbesondere auf den mehrfach die Grenze kreuzenden Strecken zwischen Hessen im Westen und Thüringen im Osten.

Grundnetz Interzonenverkehr
Nach Blockadeschluss entwickelten sich die Ost-West-Beziehungen halbwegs freundlich, sodass ab 10./11. September 1949 weitere Zugpaare eingelegt werden konnten. Die Liste lautete nun:

• FD 63/64 Hamburg-Altona – Büchen/ Schwanheide – Berlin-Friedrichstraße
• FDt 65/66 Hamburg-Altona – Büchen/ Schwanheide – Berlin-Friedrichstraße
• FD 109/110 Köln – Wuppertal – Hannover – Helmstedt/Marienborn – Berlin-Friedrichstraße
• FD 111/112 Köln – Düsseldorf – Essen – Dortmund – Hannover – Helmstedt/Ma-rienborn – Berlin Schlesischer Bahnhof
• FD 1/2 Frankfurt (Main) – Bebra/ Wartha – Sangerhausen – Berlin-Friedrichstraße
• FD 149/150 München – Nürnberg – Ludwigsstadt/Probstzella – Leipzig – Berlin-Friedrichstraße

Spitzenprodukt war die Schnelltriebwagen-Verbindung (FDt) Hamburg – Berlin. Zunächst wurde sie mit dem Vorkriegszug 137 273 der »Bauart Köln« gefahren, ab 1954 mit dem aus Ungarn importierten Neubautriebzug VT 12.14. Kurzlebige Kuriosität blieb die ab 25. August 1949 dreimal pro ­Woche angebotene Schnelltriebwagenverbindung Berlin – Probst­zella ohne Zwischenhalt mit der Option, zu Fuß hinüber ins oberfränkische Falkenstein zu gehen und den elektrischen Eiltriebwagen nach München zu nehmen.
  1951 wurde die Zuggattung »FD« aufgegeben; das »F« war nun den neuen blauen Fernzügen der DB mit ausschließlicher Polsterklasse »2« vorbehalten, die dreiklassigen Interzonenzüge wurden auf das »D« herabgestuft; der 65/66 führte als »FT« nur die »2«. Systemwidrig lief auch das Zugpaar 111/112 weiter als »F«, vielleicht, weil seine Dreiklassigkeit im ­deutschen Stammzug Köln – Berlin durch illustre Kurswagen zwischen Paris, Oost­ende und Rom (!) »im Westen« und Warschau »im Osten« aufgewertet war. Die Züge dienten dem Verkehr zwischen der Bundesrepublik und der DDR wie auch der Bundesrepublik und Berlin, das bis zum Mauerbau 1961 noch als einheitliches Verkehrsziel behandelt wurde.

Während der Fernverkehr liberalisiert wurde, befahl eine DDR-Verordnung vom 26. Mai 1952 den Ausbau der innerdeutschen Grenze zur schließlich kaum mehr überwindbaren Sperranlage. Von diesem Tage an gab es »Kontrollstreifen«, »Schutzstreifen« und »Sperrgebiet«; alle mehrfach die Grenze kreuzenden Nebenbahnen und die grenznahen Abschnitte der vom Osten in Richtung Grenze betriebenen Stichbahnen wurden stillgelegt.  Ein Wechsel von der DDR in die Bundesrepublik oder umgekehrt war fortan abseits der ganz wenigen, sorgfältig kontrollierten Übergänge nur noch illegal möglich, mit der lebensgefährlichen Bedrohung durch Schusswaffengebrauch und Minen im Kontrollstreifen.

Kurzer Frühling – neue Eiszeit
Im Sommer 1953 verkündete die DDR-Führung den »Neuen Kurs«. Der nur mit sowjetischer Hilfe niedergeschlagene Aufstand vom 17. Juni 1953 ließ bescheidene Lockerungen des politischen Zwanges ratsam erscheinen, die spätestens mit der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 alle wieder zurückgenommen wurden. Zunächst wurden jedoch die Vorschriften für den Reiseverkehr von Ost nach West weiter gelockert, sodass der Sommerfahrplan 1954 neue Interzonenzüge enthielt.

• D 1001/1002 Frankfurt (Main) – Bebra/ Wartha – Erfurt
• D 1049/1050 München – Nürnberg – Ludwigsstadt/Probstzella – Erfurt
• D 1063/1064 Hamburg-Altona – Büchen/Schwanheide – Wittenberge – Berlin Ostbf
• D 1011/1012 Düsseldorf – Hannover – Helmstedt/Marienborn – Magdeburg
• D 117/118 Köln – Hannover – Helmstedt/Marienborn – Magdeburg
  Die Züge mit vierstelligen Nummern fuhren nur saisonal. Neu im Grundkonzept des Zugangebots waren Ziele nun auch abseits von Berlin. Noch während des Sommerfahrplans 1954 wurden Mitte Juli die neuen Grenzübergänge Vorsfelde/ Oebisfelde und Hof/Gutenfürst für den Personenverkehr geöffnet. Die Zahl der ganzjährig verkehrenden Zugpaare wurde auf zwölf erhöht.

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