Kino: "Murder she said" - Miss Marple und die Eisenbahn

Vor 60 Jahren feierte Margaret Rutherford ihren Einstand als Miss Marple. 
Der erste Kinofilm nach einem Roman von Agatha Christie, im Deutschen „16 Uhr 50 ab Paddington“, machte die Figur und ihre Darstellerin weltberühmt. Nebenbei dokumentiert er ein Stück englischer Eisenbahngeschichte.
 

Der Blick gleitet durch eine groß­zügige viktorianische Bahnhofshalle, aus dem Lautsprecher ertönt eine blecherne Stimme. „Achtung! Eilzug auf Bahnsteig 3, Gleis 2! Abfahrt 16 Uhr 50! Nach Brackhampton, Milchester …“ Eine beschwingte Melodie setzt ein, während in London Paddington Station eine ältere Dame erscheint. Begleitet von einem Kofferträger passiert sie die Bahnsteigsperre, kauft noch ein Buch und steigt schließlich in den Zug, wo sie Platz in einem Abteil nimmt. Kurz darauf geht die Fahrt auch los. So ­beginnt der erste Kinofilm mit Margaret ­Rutherford als Miss Marple, einer Krimi­heldin aus den Romanen von Agatha Christie. 1961 kam er in die Filmtheater und begründete eine kleine Reihe, die Weltruhm erlangte. 
Die Handlung ist heute so bekannt wie der Buckingham Palast: Als Miss Marple mit dem Zug um 16:50 Uhr ab Paddington Station Richtung Brackhampton fährt, sieht sie zufällig, wie in einem überholenden Zug eine Frau erwürgt wird. Nahezu niemand will ihr glauben, am allerwenigsten der begriffs­stutzige Inspektor Craddock. Also macht sich die resolute Dame mit ihrem treuen ­Helfer Mister Stringer daran, die Wahrheit auf eigene Faust ans Licht zu bringen. 
Solche Konstellationen sind eines der Mar­kenzeichen der Miss-Marple-Filme, die vor 60 Jahren von England aus ihre Erfolgsgeschichte begannen. Schon der Erste der vier Filme glänzt mit der charakteristischen Mischung aus Spannung und komödiantischen Elementen sowie mit der Paraderolle der Hauptdarstellerin, die das Bild von Miss Marple für Generationen prägte. 
Geschickt hatten die Drehbuch­autoren um David D. Osborn und Regisseur George Pollock die Romanvorlage zugespitzt. Aus der bedächtig-hintersinnigen ­Seniorin von Agatha Christie, die den Mord im Zug nur erzählt bekommt und das Geschehen aus dem Hintergrund lenkt, machten sie in Person von Margaret Rutherford eine temperamentvoll-schlagfertige ältere Frau. Miss Marple stürzt sich stets unerschrocken ins Getümmel. Unterstützung bekommt sie von ihrem etwas hasenfüßigen Begleiter Mister Stringer – im wirklichen Leben Rutherfords Ehemann Stringer Davis, für den man die Rolle eigens in den Film aufgenommen hatte. Gemeinsam suchen Miss Marple und Mister Stringer etwa als Gleisarbeiter verkleidet am Bahndamm nach Spuren des Verbrechens. Prompt finden sie Indizien dafür, und weitere Morde werden bald folgen.  

Einblicke in den Betriebsalltag
Bei all dem spielt die Eisenbahn in dem Film keine große Rolle – sie taucht in nicht einmal zehn der 82 Minuten auf. Immerhin würdigt die deutsche Fassung die Schiene im Titel: Lautet dieser doch, analog zu Agatha Christies Roman, „16 Uhr 50 ab Paddington“. Im Englischen blieb es dagegen bei einem schlichten „Murder she said“ („Mord, sagte sie“). Aber selbst unter diesen Bedingungen können sich die Eisenbahn-Sequenzen durchaus sehen lassen. Sie geben interessante Ein­blicke in den Betriebsalltag auf der Insel und dokumentieren nebenbei den Umbruch, in dem sich das dortige Eisenbahnwesen Anfang der 1960er-Jahre befand. 
Mit dem Bahnhof Paddington zum Beispiel taucht einer der wichtigsten der rund ein Dutzend Kopfbahnhöfe Londons auf. Er entstand 1838 als Station der Great Western Railway (GWR), und noch mehr als 100 Jah­re später, als „Murder she said“ gedreht wur­de, beherrschten GWR-Loks dort den Bahnbetrieb. Dampfloks, wohlgemerkt: Miss ­Marples Reisezug wird von einer 1‘C1‘-Tenderlok der Reihe 5100 der GWR am Bahnsteig bereitgestellt. Bei der Zugausfahrt aus dem Bahnhof legt sich eine der berühmten 2’C-Maschinen der „King Class“ der Reihe 6000 ins Zeug; 31 Exemplare der eleganten Vierzylinder-Schnellzugloks beschaffte die GWR zwischen 1927 und 1936. 

… und eigene Interpretationen
Allerdings haben die Macher manch künstlerische Freiheit walten lassen. Viele der im Film genannten Orte sind fiktiv: Bei Miss Marples Reiseziel Milchester handelt es sich in Wirklichkeit um Winchester, bei Brackhampton um Reading. Die meisten Fahr­szenen entstanden auf der Strecke von Paddington Station über Swindon und Newport nach Cardiff bzw. Swansea. Ausnahmen bestätigen die Regel: Einmal ist das Wasser­nehmen während der Fahrt zu sehen, unterhalb des Tenders sprüht und schäumt es. Diese Sequenz, bei der die Lok unterwegs das Wasser aus einem gefüllten Trog in Gleismitte bezieht, stammt von einer anderen Strecke, und zwar der GWR-„Rennbahn“ Paddington – Birmingham. Die Szene mit Miss Marple und Mister Stringer als getarnte Gleisarbeiter entstand vermutlich ebenfalls an dieser Verbindung, und zwar im Bahnhof Denham in Buckinghamshire.

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