Mit Dispoloks und Aussichtswagen

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Die fehlenden Zulassungen bei den Talent 2 begründet die Firma Bombardier mit geänderten internationalen Normen. Außerdem muss jedes Fahrzeuglos wegen der unterschiedlichen technischen Ausführungen den Zulassungsprozess separat durchlaufen. Im Sommer 2010 offenbarten sich zudem erhebliche Qualitätsmängel in Form von Materialfehlern und nicht funktionierender Software. DB Regio Mittelfranken gab schließlich drei Züge an Bombardier zurück. Zuvor hatte der Hersteller sogar sechs der bestellten Triebwagen wieder verschrottet – ­darunter den auf der InnoTrans präsentierten Triebzug 442 212.

So kam und kommt es weiterhin zu einer ganzen Reihe von Ersatzleistungen, die – wie beim 440 – meist den bisherigen Betrieb fortführen. An der Mosel fahren 143er mit n-Wagen, rund um Leipzig sind es dagegen Taurus-Elloks der Baureihe 182 mit Wagen der Bauarten By und Bimz. Beim Rhein-Sieg-Express kommen Wendezüge aus Doppelstockwagen mit jeweils zwei Loks der Baureihe 111 beziehungsweise (ab Fahrplanwechsel 2010) der Baureihe 120 zum Einsatz. Und in Nürnberg hat man sich mit 32 Loks und 82 n-Wagen für einen möglichen Ersatzverkehr ab Dezember 2010 gerüstet.

BLB in Nöten

Auch bei den Privaten gab es Probleme mit Fahrzeugen, die das EBA nicht abgenommen hatte. Mit erheblichen Startschwierigkeiten kämpfte die Berchtesgadener-Land-Bahn (BLB), die am 13. Dezember 2009 den Zugbetrieb zwischen Berchtesgaden, Freilassing und Salzburg übernehmen sollte. Dafür hatte sie dreiteilige Elektrotriebzüge des Typs FLIRT beschafft. Testfahrten zeigten allerdings eine unzureichende elektromagnetische Verträglichkeit des Fahrmotors; am 9. Dezember 2009 wurde publik, dass sich die Abnahme der Fahrzeuge durch das EBA verzögerte. Was folgte, war ein Ersatzverkehr, der seinesgleichen suchte: Eilig von anderen Privatbahnen ausgeliehene Fahrzeuge pendelten zwischen Freilassing und Bad Reichenhall, teilweise nur interimsweise, bis sie von weiteren Leihfahrzeugen ersetzt wurden. Ein FLIRT von Cantus war ebenso dabei wie RegioShuttle der Waldbahn oder Desiro-Triebwagen der Vogtlandbahn (siehe Kasten). Weil den Fahrzeugen meist die Zulassung für den Steilstreckenabschnitt Bad Reichenhall – Berchtesgaden fehlte, setzte die BLB dort zunächst Busse ein.

Am 23. Januar 2010 konnte die Bahn den Ersatzverkehr bis Berchtesgaden ausdehnen – unter anderem mit einem lokbespannten Zug, der sich aus zwei Privatbahn-Elloks der Baureihe 185 und drei Silberling-Wagen zusammensetzte.

Währenddessen lief das Zulassungsverfahren für die BLB-FLIRT; die Radsätze wurden erfolgreich geprüft, die Verschleißnachsteller an den Bremsen nachgewiesen. Abschirmbleche an den Fahrmotoren und geänderte Stromrichter-Software verhinderten eine Beeinträchtigung des Fahrmotors, auch die Zulassung von DB Netze lag vor. Das EBA erteilte die Genehmigung für die Steilstrecke, verlangte jedoch noch ein Gutachten über die neue Software.

Am 24. Februar 2010 erhielten die BLB-FLIRT die fehlenden Zulassungen, so dass einer Betriebsaufnahme eigentlich nichts mehr im Wege stand. Doch dann ereilte die Bahn die nächste Hiobsbotschaft: In der Nacht von 25. auf 26. Februar 2010 wurden die in Freilassing und Berchtesgaden abgestellten FLIRT Opfer gezielter Zerstörung. Unbekannte schlugen bei den Zügen zahlreiche Scheiben ein und besprühten die Außenseiten teilweise mit großen Graffiti. Nach Polizeiangaben betrug der Sachschaden rund 100.000 Euro. Nach nur einem Tag Betrieb mussten die Fahrgäste statt in die neuen Triebzüge wieder in Ersatzzüge und Busse einsteigen. Es dauerte bis Anfang März, bis die BLB die Fahrzeuge planmäßig einsetzen konnte. Nun kehrte endlich Normalität ein, und am 29. Juni 2010 wurde schließlich der erste FLIRT in Bad Reichenhall feierlich auf den Namen »Berchtesgadener Land« getauft.

Das Beispiel Eurobahn

Von Normalität schienen die beiden anderen betroffen Privatbahnen hingegen bei Redaktionsschluss noch weit entfernt. Die FLIRT-Probleme bei der Eurobahn hielten im Herbst 2010 nach wie vor an, wenngleich nicht mehr in dem Umfang wie knapp ein Jahr zuvor. Geplant war, im Dezember 2009 die Linien RE 3 (Hamm – Dortmund – Duisburg – Düsseldorf) und RE 13 (Hamm – Wuppertal – Düsseldorf – Mönchengladbach – Venlo) mit neuen Triebzügen zu übernehmen.

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