Voller Überraschungen: »Molli« und seine Besonderheiten

Die Strecke von Bad Doberan nach Kühlungsborn bietet Eisenbahn­freunden viele interessante Aspekte. Von Reiner Preuss/GM

 
Keiner protestiert in Bad Doberan gegen die Straßenmitbenutzung der Dampfbahn. Inzwischen wurde die Goethestraße zur Fußgängerzone und ehrt die Bahn mit einem Abschnitt namens »Mollistraße« (Bild von 2009) Reiner Preuß © Reiner Preuß

Zugegeben, die Fahrt auf der Schmal­spurstrecke von Bad Doberan bietet nicht all zu viele landschaftliche Reize. Von der Ostseeküste ist wenig zu sehen – nur kurz am Haltepunkt Steilküste eröffnet sich ein Blick auf das Meer. Doch bietet diese Bahn mehrere spannende Besonderheiten. Beispielsweise die Spurweite von 900 Millimetern, über die schon viel gerätselt wurde – kam sie doch hauptsächlich in Bergwerken und bei Werkbahnen vor und gehörte nicht zu den Empfehlungen des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen für öffentlich betriebene Strecken.
Neben der Spurweite überrascht auch die Ortsdurchfahrt in Bad Doberan den interessierten Fahrgast. Der Zug befährt eine enge Straße, die inzwischen ein Fußgängerbereich ist und für die Dampfzüge einen gleichermaßen außergewöhnlichen wie schönen Rahmen bietet.

Eine akzeptierte Bahn

Die Akzeptanz der Bahn ist groß. Hier gab es, im Gegensatz zu anderen Orten, keine Unterschriftenaktionen gegen die zischenden Züge mitten in der Stadt. Im Gegenteil: Ein Stück der Straße trägt den auf einer Legende fußenden Spitznamen der Dampf­bahn: »Molli«. Also mögen nicht nur Touristen diese Bahn.
Zu den Besonderheiten gehört auch die Nachbau-Dampflok 99 2324. Nach 48 Jahren Pause im Dampflokomotivbau bestellte die Molli-Bahn bei der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH eine neue Lok. Im April 2008 begann im Dampflokwerk Meiningen der Neubau, für den als Vorbild drei Maschinen der Bauart 1‘D1‘h2t dienten, die im Jahre 1932 nach Kühlungsborn geliefert worden waren. Die »Neue« wurde am 10. Juli 2009 offiziell in Dienst gestellt und ist neben einer Maschine der Harzer Schmalspurbahnen die schnellste Schmalspurlokomotive in Deutschland. Sie fährt ohne Beanstandungen. Im Wagenpark befinden sich zehn historische Fahrzeuge aus den Jahren 1902 bis 1931. Dazu kommt ein Postwagen von 1896. Im Jahr 2004 erhielt die Bahn eine 3,7 Millionen Euro teure, moderne Fahrzeughalle in Bad Doberan. Dort werden auch größere Reparaturen erledigt, sodass auf kostspielige Landtransporte zu Werkstätten verzichtet werden kann.

Von Lenz zur Reichsbahn

Eröffnet wurde die Strecke als Doberan-Heiligendammer Eisenbahn (DHE) vom Eisenbahnbau- und Betriebsunternehmer Lenz am 9. Juli 1886. Die Großherzogliche Regierung Mecklenburg-Schwerin erwarb sie 1890 und gliederte sie der Friedrich-Franz-Eisenbahn an. Zunächst blieb der Betrieb auf die Badesaison von Mai bis September beschränkt, und die Züge befuhren nur den kurzen, 6,5 Kilometer langen Abschnitt bis Heiligendamm. 1910 war die Strecke bis Arendsee, dem heutigen Ostseebad Kühlungsborn, auf insgesamt 15,4 Kilometer ausgebaut worden. 1920 übernahm die Deutsche Reichsbahn mit der Friedrich-Franz-Eisenbahn auch die Schmalspurbahn.
Im Güterverkehr war, anders als bei anderen Schmalspurbahnen, ein Transport der Regelspurwagen auf schmalspurigen Rollwagen oder Rollböcken wegen der engen Ortsdurchfahrt in Bad Doberan nicht möglich. Daher wurden die über die Hauptbahn Wismar – Rostock eintreffenden Güter mühsam umgeladen. Diese Praxis behielt die Deutsche Reichsbahn bei, zunächst auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch mit der Entwicklung des Straßenverkehrs entstand eine Alternative, sodass 1969 der Güterverkehr beim Molli endete. Den Personenverkehr betrieb die Reichsbahn weiter; mit zeitweise 13 Zugpaaren am Tag hatte dieser sogar beachtliche Ausmaße. 1976 wurde der Schmalspurbahn eine besondere Wertschätzung zu Teil. Der Bezirk Rostock nahm sie in seine Denkmalliste auf.

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